Schneller, höher, weiter?

Immer am Limit - die Erinnerungen von McKinsey-Chef Herbert Henzler
Rezension: Winfried Kretschmer

Ein McKinsey-Chef erinnert sich. Und blendet dabei Rückschläge und Niederlagen nicht aus. Sein Fazit: Heute muss über das Schneller, Höher, Weiter neu nachgedacht werden. Wir müssen Wachstum neu definieren.

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McKinsey hat den Ruf des harten Sanierers, gilt als Prototyp der hart am Shareholder-Value orientierten Unternehmensberatung. Da scheint es zu passen, wenn die Biografie des langjährigen McKinsey-Chefs Herbert Henzler den Titel Immer am Limit trägt: Da präsentiert sich ein harter Hund des Wirtschaftslebens. Toughness als Markenzeichen.  

Doch das entpuppt sich schnell als Klischee, wenn man sich auf dieses Buch einlässt. "Es hat Momente gegeben, die düster aussahen, Momente voller Selbstzweifel", beginnt Herbert Henzler seine Erinnerungen, in denen auch solche düsteren Momente ihren Platz haben. Wie sie ein Leben prägen können, ja einer Karriere ihren Schub geben können, auch davon erzählt dieses Buch.


Traum von einem besseren Leben


Henzler gehört zur Vorwohlstandsgeneration, die in der kargen Nachkriegszeit aufwuchs. 1941 in Plochingen geboren und auf dem elterlichen Bauernhof im Schwäbischen aufgewachsen, wurde die harte bäuerliche Existenz zu seiner prägenden Erfahrung. Als er - wenn man so will in einem ersten Aufscheinen seiner späteren Profession - seinen Eltern vorrechnete, dass sie für 30 Pfennig in der Stunde schufteten, brach er einen veritablen Familienkrach vom Zaun. Aber ihm war klar: "Immerzu arbeiten, kaum etwas dafür bekommen und dann auch noch schlecht angesehen sein - nein, nicht mit mir."  

Hier sind die Grundmotive einer konsequenten Aufstiegsorientierung bereits angelegt. Der Traum von einem anderen, besseren Leben ist ihr Motor. So beschreibt Immer am Limit ein Karrieremuster, das für die wirtschaftliche Prosperitätsphase in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht, heute aber bereits Vergangenheit ist.  

In lockerem Erzählstil schildert Henzler seine Jugend- und Ausbildungsjahre und schält dabei die entscheidenden Wendepunkte klar heraus: der Wille, dem kargen Leben zu entfliehen, seine Tuberkuloseerkrankung, die sich gleichwohl rückblickend als "Glücksfall" erwies, weil sie die Weichen seines Lebens neu stellte, nicht zuletzt auch das Gefühl von Verantwortung, das der Junge erfuhr, als er den Ochsenkarren lenken durfte - und abermals, als während seiner Ausbildung bei Shell ein aufgebrachter Kunde den 19-Jährigen anfuhr: "Lieber Henzler, für mich sind Sie der Herr Shell." Verantwortung ist nicht teilbar, so die Lehre.


"This is not a business!"


Es folgte ein steiler Aufstieg: Großhandelskaufmann, Fachhochschule, Studium, Stipendiat der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, erster Job, 1970 der Einstieg bei McKinsey. 1975 wurde Henzler Partner, 1978 zum Direktor gewählt, 1985 dann Deutschland-Chef des Beratungsunternehmens, das unter seiner Leitung einen steilen Aufschwung nahm. 1999 wurde er "European Chairman", den Weg ganz an die Spitze des in 52 Ländern vertretenen Beratungsunternehmens aber hatte Henzler sich vielleicht selbst verbaut - ein falsches Wort war es, das zu einem Fiasko führte. Auf einem internationalen Strategietreffen von McKinsey hatte Henzler vom "Business System" des Unternehmens gesprochen, als Marvin Bower, der "große alte Mann von McKinsey" aufsprang und ihn anherrschte: "Herb, this is not a business!" Sondern eine Profession.  

Offen berichtet Henzler auch über Niederlagen und Rückschläge, nicht nur über seine Erfolge, die sich nicht zuletzt seiner Durchsetzungskraft verdanken. Immer verwebt er seine persönliche Geschichte mit der des Unternehmens und mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. So gesehen ist diese Biografie auch ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte, an der Henzler in entscheidenden Phasen teilhatte, die er mitgestaltete und die er miterlebte. Die Auflösung der verwobenen Deutschland AG, der Terror der Rote Armee Fraktion, die Ermordung Alfred Herrhausens, die Terrordrohung gegen Henzler selbst, die sich dann als Tat eines Trittbrettfahrers entpuppte, die Wiedervereinigung und überhaupt die für den Effizienzmann Henzler wenig erbaulichen Erfahrungen mit der Politik. So schreibt er, seine Warnungen, die Leistungskraft der ostdeutschen Industrien werde grob überbewertet, seien vom Tisch gewischt worden. "Ich musste lernen, dass wirtschaftliche Argumente damals keine Rolle spielten", so sein Fazit.  

Sein Buch gibt somit auch Einblick in die innere Sphäre der Macht, dorthin, wo Politik und Wirtschaft zusammentreffen und wo persönliche Beziehungen die entscheidende Währung sind. Da war Henzler mittendrin. Was es bedeutet, dazuzugehören, zeigt auch der Kreis der "Similauner", eine von Henzler zusammen mit Reinhold Messner gegründete Gruppe von bergsteigenden Topmanagern. Networking, schreibt er, ist "nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Haltung im Leben".


Wachstum neu definieren


Im hinteren Teil seines lesenswerten Buches nimmt sich der heute als "Ich-AG" agierende Henzler den Raum für einige Klarstellungen zum Verhältnis von Politik und Wirtschaft und zu den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in einer globalisierten Welt.  

Im Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft sei Personalabbau unumgänglich, schreibt der in seiner aktiven Zeit schon mal als "Deutschlands Jobkiller Nummer eins" apostrophierte frühere McKinsey-Mann, "aber zugleich entstehen neue Jobs durch neue Produkte, durch neue Branchen".  

Der Wandel ist tief greifend, die Welt komplex und unübersichtlich geworden. Das zwingt zu neuen Einsichten. So steht ganz am Ende des Buches das Resümee, dass man "den Wachstumsbegriff ... neu definieren muss". Mit dem Besserwerden könne er sich identifizieren, schreibt Henzler, "aber das Schneller, Höher, Weiter muss in der heutigen Zeit mit einem großen Fragezeichen versehen werden". Er aber würde wieder ans Limit gehen.  


Zitate


"Heute denke ich, dass man den Wachstumsbegriff in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung neu definieren muss. ... Mit dem Besserwerden kann ich mich identifizieren, aber das Schneller, Höher, Weiter muss in der heutigen Zeit mit einem großen Fragezeichen versehen werden." Herbert Henzler: Immer am Limit

 

changeX 06.02.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Econ Verlag

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Zum Buch

: Immer am Limit. Erinnerungen eines McKinsey-Chefs. Econ Verlag, Berlin 2011, 336 Seiten, 22.99 Euro, ISBN 978-3-430200936

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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