Freiheit statt Arbeit
Jeder soll selbst entscheiden können, ob er arbeitet oder nicht - ein Gespräch mit Wolfgang Engler.
Folge 11 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt.
Von Gundula Englisch
Auf die Entscheidungsfreiheit hält unsere Multioptionsgesellschaft große Stücke. Nur bei der Wahl zu arbeiten oder nicht zeigt sie sich ausgesprochen zugeknöpft. Arbeiten muss man, ob man will oder nicht. Ein Soziologe sagt: Ein Grundeinkommen wäre nicht nur eine soziale Wohltat, sondern brächte auch das Ende der Fronarbeit. Denn es würde die ökonomische Wahlfreiheit für alle Bürger garantieren: das Grundrecht, Arbeit ablehnen zu können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Jeder soll selbst entscheiden können, was er tut. / 20.05.08
Wolfgang EnglerWolfgang Engler ist Soziologe und Rektor der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Er publizierte zahlreiche kritische Analysen über die Moderne. Jüngste Buchveröffentlichungen sind Bürger, ohne Arbeit (2005) und Unerhörte Freiheit (2007).
Herr Engler, die Lohnarbeitsgesellschaft von gestern ist in Auflösung begriffen. Es gibt immer mehr nicht reguläre Beschäftigungsverhältnisse, aber auch immer mehr Möglichkeiten, sich die eigene Arbeit individuell zu konfigurieren. Das Einzige, was fehlt, sagen Sie, ist die Option, nicht zu arbeiten und trotzdem einigermaßen gut leben zu können - mittels eines Grundeinkommens. Damit rütteln Sie gewaltig an den Grundfesten unserer Wertewelt ...
In der Tat ist die Idee der abwählbaren Arbeit mit den Grundlagen der guten alten Lohnerwerbsgesellschaft nur schwer vereinbar. Und bis heute ist es sowohl für die Gesellschaft nicht nur eine ungewöhnliche, sondern auch eine erschreckende Vorstellung, sich ein Leben zu denken, dessen roter Faden nicht die Lohn- und Erwerbsarbeit ist. Andererseits bemessen sich heutzutage das Selbstwertgefühl und das soziale Ansehen von Menschen nach der Vielfalt und Anzahl der Angebote, aus denen man wählen kann. Der aus vielem besonnen Auswählende ist ja der Prototyp des freien Individuums. Nur bei der Wahl zu arbeiten oder nicht zeigt sich die sogenannte Multioptionsgesellschaft ausgesprochen zugeknöpft.
Vielleicht, weil die Möglichkeit der Nichtarbeit die gängigen Vorstellungen von Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Lastenverteilung infrage stellt. Schließlich muss diese Freiheit von all denen erwirtschaftet werden, die auf sie verzichten und sich gegen das Nichtstun entscheiden ...
Das ist einer der Standardeinwürfe, der so alt wie die Idee des Grundeinkommens selber ist und sie wie ein Schatten begleitet. Richtig, diese Freiheit ist etwas Paradoxes. Sie ist heikler als alle anderen bürgerlichen Freiheitsrechte und greift tiefer und folgenreicher in das Gesellschaftsgefüge ein als alle anderen Wahlfreiheiten. Es ist in der Tat so, dass diese Freiheit immer nur von einer Minderheit in Anspruch genommen werden kann, und auch nur dann, wenn die Mehrheit an ihrer Arbeit festhält. Das kann unter demokratischen Verhältnissen natürlich nicht überzeugen. Diesen Einwand nehme ich sehr ernst. Aber die Idee der Arbeit als abwählbare Option bedeutet ja nicht gleich, dass die Arbeit abgeschafft wird. Es geht eher darum, Arbeit ablehnen zu können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen - sei es unwürdige Arbeit, der man aus materiellen Gründen nicht entfliehen kann, oder Arbeit, mit der man trotzdem arm und abhängig bleibt. Bei denen, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind, wird die Neigung, Arbeit abzuwählen, weniger groß sein. Wenn es diese Freiheit aber gäbe, wäre die Angebotsseite der Arbeitswelt gewissermaßen genötigt, solche Arbeit zu offerieren, die befriedigend ist oder von der man wenigstens leben kann.
Der ungeliebte, unbefriedigende Job ist aber jetzt schon für immer mehr Menschen Grund genug, sich eine Tätigkeit zu suchen, in der sie so arbeiten können, wie sie wollen - notfalls auch für weniger Geld.
Das stimmt. Es gibt einerseits die Erwartung, dass Arbeit nicht einfach nur ein Job sein soll, sondern dass sie erlaubt, etwas von sich selbst auszudrücken. Diese Authentizitätsanforderungen gab es bis in die jüngste Vergangenheit nur bei den Eliten, den Begüterten, den freien Berufen. Was Künstler oder Wissenschaftler mit Arbeit verbunden haben, nämlich dass Arbeit und Leben eins sein sollten, ist heute eine Erwartung, die fast demokratisiert ist. Freilich wird sie durch die realen Arbeitsverhältnisse auch oft genug enttäuscht. Und die Folge davon ist, dass sich etwas nicht Gewünschtes, nämlich das instrumentelle Verhältnis zu Arbeit, als etwas, das Geld bringt, doch wieder einstellt. Und dann ist man genötigt, seine Träume auf eine andere Art - also neben der Arbeit - zu entwickeln. Ich glaube, dass gerade die Selbstbeschäftigten ein Grundeinkommen sehr begrüßen würden, weil es natürlich eine enorme Entspannung bringen würde - und die Möglichkeit, sich um die wichtigen Dinge im Leben zu kümmern, statt dem Geld hinterherzuhecheln.
In der Option, Arbeit abwählen zu können, steckt weit mehr als ein sozialpolitisches Instrument des Wohlfahrtsstaats?
Richtig, die klassische Debatte über das Grundgehalt könnte man als Sozialstaatsdebatte bezeichnen. Wenn man dem Ganzen aber eine richtige Grundlage geben will, dann muss man die Option, Arbeit abwählen zu können, in einem Rechtsgedanken, dem Gedanken der Bürger- oder Menschenrechte verankern. Arbeit als Option, das bedeutet weitreichende ökonomische Wahlfreiheit für alle Bürger - eine Wahlbefugnis, die geschichtlich gesehen die Autonomiebestrebungen des bürgerlichen Individuums krönen und vollenden würde.
So manchem wird die Idee, Menschen auch für Nichtarbeit zu alimentieren, vorkommen wie Sozialismus pur. Sie aber sagen, Arbeit als abwählbare Option sei ein konsequent liberales Projekt. Das müssen Sie erklären.
Einmal ist die Idee des Grundeinkommens ursprünglich von Liberalen ersonnen worden. Es war damals eine kühne Idee, den nicht mehr benötigten Arbeitskräften einer immer produktiveren Wirtschaft einen Teil des gesellschaftlich erworbenen Vermögens zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre oberste Bürgerpflicht als Konsumenten erfüllen können. Der Streit, der sich im weiteren Verlauf der Debatte entwickelte, drehte sich im Wesentlichen darum, ob der Mensch als Empfänger eines Grundeinkommens Konsument ist oder Bürger. Ich meine schon, dass man es nicht alleine bei einer Zuwendung von Geld belassen soll. Man gibt dann denjenigen, die in der Wirtschaft nicht gebraucht werden, genug, damit sie konsumieren und die Maschinen am Laufen halten können. Aber ansonsten schreibt man sie gewissermaßen ab. Das heißt aber auch, dass man sich von enorm vielen Talenten, Fähigkeiten und Bürgersinn verabschiedet. Die Grundsicherung als eine Art Stilllegungsprämie aufzufassen heißt, ihr Wesen und ihre Möglichkeiten gründlich zu verkennen. Und es bedeutet, dass man die kulturelle Bemühung gar nicht im Blick hat: nämlich dass Menschen ohne Arbeit vielleicht erst einmal die Fähigkeit erwerben müssen, mit ihrem Leben auch jenseits der Erwerbsarbeit etwas anzufangen, was die Mühe lohnt. Diesen Aspekt sollten die Verfechter des Grundeinkommens nicht ignorieren.
Deshalb verknüpfen Sie das Grundeinkommen mit der Aufgabe, die Freiheitsfähigkeit der Bürger zu fördern. Sollte es im Sinne der liberalen Konsequenz aber nicht jedermann selbst überlassen bleiben, was er aus seiner Freiheit von Arbeit macht?
Ich glaube nicht an den Automatismus von Geldzuweisung und kultureller Befähigung. Das Grundeinkommen im Verein mit einer Bildungsoffensive erdet den Liberalismus sozial, das heißt, es verallgemeinert das Recht auf Persönlichkeitsentfaltung, das in Anspruch zu nehmen dann jeder "vermögend" genug sein würde, materiell und kulturell. Sozial engagierter Liberalismus ermächtigt das Individuum, stärkt seine persönlichen Widerstands- und seine sozialen Bindungskräfte gegenüber allen Machtinstanzen - sowohl gegenüber staatlichen Zugriffen als auch gegenüber ökonomischen Diktaten oder sozialen Konformitätszwängen. Das ist die Denkungsart des wahren Liberalen.
Wenn jeder Mensch so leben kann, wie er will, und dies ihm dann auch noch mit aller Befähigung zur Selbstverantwortung recht gut gelingt - wozu braucht es dann noch den Staat oder die Politiker?
Warum wohl erwärmt sich die professionelle Politik so wenig für das Modell des Grundeinkommens? Ich glaube, weil das Selbstverständnis namentlich der Sozialpolitiker sehr stark darauf konzentriert ist, den Benachteiligten und Beladenen zu helfen, ihnen einen Weg zu weisen, und sie wieder in das Gemeinwesen zu integrieren. Tatsächlich würde mit dem Grundeinkommen ein Großteil dieser Aufwendungen inklusive der zugehörigen Sozialstaatsbürokratie schlichtweg hinfällig werden. Allerdings: Dass jeder Mensch so leben kann, wie er will, dazu braucht es Politiker. Und zwar Politiker, die den Mut haben, sich selbst als Vormünder und Ratgeber des "richtigen" Lebens abzuschaffen. Und die sich nichts sehnlicher herbeiwünschen als Verhältnisse, unter denen man weder Reiche im Zaum zu halten, noch Arme zu beschützen hat.
Ganz konkret: Was wären die ersten Schritte auf dem von Ihnen beschriebenen Weg zur freien Wählbarkeit von Arbeit?
Ich glaube, es wäre schon viel getan, wenn wir unser jetziges Sozialstaatssystem entgiften würden von dem, was da so an Kontrollgelüsten, Beschämungen und Herabsetzungen herumwabert. Wenn es uns gelänge, den Hartz-IV-Gesetzen das zu nehmen, was daran so kritikwürdig ist an Kontrolle, Beaufsichtigung, Bevormundung, dann wäre das gewissermaßen der erste Schritt. Man würde einen Grundbedarf anerkennen und man würde ihn nicht an zusätzliche Unterwerfungsbedingungen knüpfen. Und dann könnte man weitersehen. Aber auch die vielen Selbstangestellten, die in prekären Verhältnissen arbeiten, wären unbedingt einzubeziehen. Denn dort ist das Potenzial groß, dass die Idee populärer gemacht werden könnte. Da trifft sich ein manifestes Bedürfnis mit einer hohen Vernetzungs- und Stimmfähigkeit.
Ein Blick in die Zukunft: Wie kann man sich die vom Arbeitszwang befreite Gesellschaft vorstellen? Ein Schlaraffenland des Müßiggangs?
Wenn es gut geht, wenn das Grundeinkommen durch eine Politik, die auch die kulturelle Komponente zur Kenntnis nimmt, auf den Weg gebracht werden könnte, dann könnte ich mir in dieser Zukunftsgesellschaft Menschen vorstellen, die, obwohl sie keine Arbeit haben, mit erhobenem Haupt durch die Welt gehen und auch wüssten, wo der rote Faden in ihrem Leben ist. Und die anderen, die sich dafür entscheiden, Teil des Erwerbslebens zu bleiben, hätten weniger Angst im Nacken. Auch sie hätten immer noch eine Plattform, unter die sie nicht fallen können. Das würde die Gesellschaft im Ganzen enorm entspannen und würde den Lustfaktor sowohl bei den Arbeitenden als auch bei den nicht Arbeitenden erheblich erhöhen.
Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.
Wolfgang Engler:
Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft.
Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 2007,
175 Seiten, 16.95 Euro.
ISBN 978-3-351-02656-1
Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft.
Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 2005,
416 Seiten, 19.90 Euro.
ISBN 978-3-351-02590-4
© changeX [20.05.2008] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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Zu den Büchern

: Unerhörte Freiheit. . Arbeit und Bildung in Zukunft. . Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 1900, 175 Seiten, ISBN 978-3-351-02656-1

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: Unerhörte Freiheit. . Arbeit und Bildung in Zukunft. . Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 1900, 175 Seiten, ISBN 978-3-351-02656-1

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