| Folge 2: Die Mensufaktur |
Die sprachliche Assoziation zu den längst verblichenen Manufakturen ist gewollt. "Die Manufaktur", so Böttcher, "stand im 18. Jahrhundert auf halbem Weg zwischen Handwerk und Fabrik. Die Mensufaktur steht im 21. Jahrhundert zwischen Ich-AG und Denkfabrik." Qualifizierte Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen - aber dem gleichen Wohnblock - bringen in einer Mensufaktur ihre Kompetenzen in gemeinsame Projekte ein, die für keinen von ihnen als Einzelkämpfer in Frage gekommen wären.
Der heute 31-jährige Böttcher, als in der New Economy sozialisierter Unternehmer um große Worte nie verlegen, sieht in diesem Konzept "eine Übertragung des uralten Gedankens der Nachbarschaftshilfe in die globalisierte Wissensgesellschaft. An jedem Ort und zu jeder Zeit können sich Ad-hoc-Kooperationen zwischen Nachbarn bilden - oder schlicht Fragen beantwortet und Ratschläge erteilt werden."
Aufgefallen war Böttcher das Hinterhof-Potenzial, als er mit einem der Mitglieder seines "Berliner Business-Clubs" sprach. Dieser, ein Spandauer Spielzeugfabrikant, war voll des Lobes über den in den Hackeschen Höfen angesiedelten Club, war es ihm doch über die dort geknüpften Kontakte binnen kurzer Zeit gelungen, das juristische Vertriebs- und Marketing-Know-how zusammenzubringen, das ihm gerade noch für sein neues Produkt gefehlt hatte. "Das hätten meine Nachbarn auch gekonnt", durchzuckte es da Böttcher - und von diesem Moment an war er mit der Club-Idee gar nicht mehr so glücklich, mit der er im September 2006 gestartet war. "Überall auf der Welt und im Internet wird versucht, Menschen zusammenzubringen, die sich noch nicht kennen. Aber erstaunlicherweise kümmerte sich vor mir niemand um das ökonomische Potenzial, das Menschen entfalten können, die sich Tag für Tag auf der Straße, im Supermarkt, im Treppenhaus begegnen."
Mit dieser Erkenntnis war, ganz untypisch für Böttcher, auch eine gehörige Portion Selbstkritik verbunden. Schließlich hatte er um die Jahrtausendwende seine ersten unternehmerischen Erfahrungen mit einer Internet-Kontaktbörse gesammelt. Doch seine Website www.gemeinschaftswerk.com kam zu spät und war zu schwachbrüstig, um auch nur in die Nähe der notwendigen kritischen Masse zu kommen. Schon 2002 musste er seine Investitionen als Lehrgeld abschreiben - mit der sehr vagen Hoffnung, irgendwann diese Erfahrungen noch einmal für einen zweiten Versuch nutzen zu können.
2008 war es so weit. Böttcher verkaufte sich sehr erfolgreich als junger, sympathischer Hinterhof-Unternehmer und wurde innerhalb weniger Monate bundesweit bekannt. Doch schon vor seiner ersten Mensufakturgründung hatte er sich eine Finanzierung gesichert, die es ihm erlauben sollte, binnen kürzester Zeit einen deutschlandweiten Roll-out seines Konzepts durchzuführen. Das sollte sich sehr schnell als sehr sinnvoll erweisen, denn die von ihm entdeckte Marktlücke wurde in rasender Geschwindigkeit ausgefüllt: Gerade mal zwei Jahre nach der ersten Mensufakturgründung konnte gerade die zehntausendste Gründung in Deutschland gefeiert werden.
Eines der wichtigsten Geschäftsfelder für Mensufakturen ist die Unternehmensberatung für kleine und mittlere Betriebe. Hier kommen den Hinterhöflern ihre Stärken der gebündelten Kompetenz und der sehr flexiblen Arbeitsweise besonders zugute. Aber auch in den Bereichen Marktforschung, Research, Öffentlichkeitsarbeit und Design sind Mensufakturen gut vertreten. Dabei sind die Geschäftsfelder jeder Einheit natürlich stark von den Kompetenzen abhängig, die dort jeweils vorhanden sind: Wenn keiner im Haus jemals einen Online-Shop aufgebaut hat, wird man diese Dienstleistung auch kaum verkaufen können.
Das entscheidende Asset, das eine Nachbarschaft anderen Organisationsformen voraushat: Die Menschen kennen sich. Sie wissen aus vielen Begegnungen und Kontakten, was sie voneinander halten, wem sie vertrauen können und wem nicht, ob sie es mit Blendern, Großmäulern oder Könnern zu tun haben. Und generell ist in engen sozialen Zusammenhängen das Risiko wesentlich geringer, von seinem Geschäftspartner aufs Kreuz gelegt zu werden - man sieht sich schließlich auch weiterhin täglich im Treppenhaus.
Um aus der Nachbarschaft eine Mensufaktur zu machen, musste Bernd Böttcher ihr noch ein weiteres Asset hinzufügen: die ebenso einfache wie arbeits- und finanzamtskompatible Software MENSA - "eine Art SAP für den Hinterhof" (Böttcher). Jeder an der Mensufaktur Beteiligte pflegt seine Stammdaten selbst, insbesondere seine Fachgebiete und seine Honorarvorstellungen. Wird ein gemeinsames Projekt begonnen, gibt jeder Beteiligte seine persönlichen Erwartungen an Aufwand und Ertrag im (vertraulichen) persönlichen sowie im (mitgliederöffentlichen) gemeinsamen Bereich ein. Nach Beendigung des Projekts wertet MENSA automatisch die individuelle sowie die kollektive Soll-Ist-Abweichung aus - ein Feedbacksystem, das allen Teilnehmern eine steile Lernkurve ermöglicht.
Großes öffentliches Interesse erregte ein spezielles MENSA-Feature: der Unterschied zwischen dem internen und dem externen Honorar. Wenn ein Nachbar bei einem Mitglied der eigenen Mensufaktur eine Dienstleistung in Auftrag gibt, ist sie im Regelfall wesentlich günstiger als eine Dienstleistung für dritte Auftraggeber. Böttcher empfahl ursprünglich als Richtwert den halben Preis. Doch Hans Heinrich, ein Steuerberater aus seiner Mensufaktur, fand schnell eine sowohl emotional als auch steuerlich attraktivere Lösung: Nachbarschaftsinterne Leistungen sollen in einer Ersatzwährung abgerechnet werden.
Solange es sich bei der Währung für solche Dienstleistung nämlich nicht um Geld handelt, sondern lediglich um ein Tauschmittel, um die Dienste anderer Nachbarn in Anspruch zu nehmen, gelten Einnahmen in dieser Währung nicht als zu versteuerndes Einkommen, sondern als Nachbarschaftshilfe. Auch auf Sozialleistungen wie Erziehungs- oder Arbeitslosengeld werden solche "Einnahmen" nicht angerechnet. MENSA verwendet als Voreinstellung für diese Graswurzelwährung den an Spielgeld erinnernden Namen "Credits". Bei allen in Euro verbuchten Einnahmen, ob inner- oder außerhalb der Nachbarschaft erzielt, melden jedoch Finanz- und Sozialbehörden ihre Ansprüche an. Ganz nebenbei und elegant hat Böttcher mit der Einführung der "Credits" sowohl standes- als auch tarifrechtliche Probleme umschifft.
Unternehmensrechtlich handelt es sich bei einer Mensufaktur um eine Genossenschaft. In der einfachsten und kostengünstigsten Form werden als Einstandszahlung für jeden Genossen ganze 20 Euro fällig - eine Art Aufnahmegebühr, die Böttcher für den Zugang zur Kommunikations- und Abrechnungssoftware berechnet. In dieser Grundvariante gibt es keine gemeinsame Infrastruktur der Genossenschaft; bei jeder Transaktion müssen Anbieter und Nachfrager sich auf die Konditionen einigen und diese ins Intranet eintragen. Für komplexere Mensufakturen, die beispielsweise über eigene Büroräume verfügen oder eigenes Personal beschäftigen, gibt es entsprechend konfigurierte MENSA-Upgrades, für die eine monatliche Lizenzgebühr fällig wird.
Trotz des großen Erfolgs ist die Mensufaktur für Böttcher nur eine Übergangsform. So, wie die Manufaktur zwei Jahrhunderte lang den Übergang vom mittelalterlichen Zunftwesen zur kapitalistischen Industriegesellschaft verkörperte, werde auch die Mensufaktur früher oder später von fortgeschritteneren Organisationsformen der Wissensgesellschaft abgelöst werden. Aber das ist ihm ganz recht so. "Von Hegel über Marx bis Fukuyama zieht sich die langweilige Behauptung, es gäbe so etwas wie ein Ende der Geschichte. Die Mensufaktur dagegen ist eindeutig der Anfang einer ganz anderen Geschichte. Und das ist doch viel spannender."
changeX 02.03.2006. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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Detlef GürtlerDetlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
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