Wir hatten erfunden

Eine Innovationsbilanz nach 20 Jahren
Von Detlef Gürtler

Wir erfinden. So hieß vor genau 20 Jahren eine Artikelserie hier auf changeX. In Reportagen aus der Zukunft hatte Detlef Gürtler damals 12 aussichtsreiche Erfindungen beschrieben: als 12 Erfolgsgeschichten innovativer Start-ups. Mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten reflektiert er heute: Was ist aus der damaligen Zukunft geworden? Und wie tauglich ist eine solche freihändige Ideenentwicklung als Prognoseinstrument? Aufschlussreich ist jedenfalls: Die technische Innovation verlief schneller und umfassender als erwartet, das Feld sozialer Innovation hingegen lahmte - und liegt immer noch brach.

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Wir erfinden. So hieß vor genau 20 Jahren eine Artikelserie hier auf changeX. In Reportagen aus der Zukunft hatte ich damals 12 Erfindungen beschrieben, die in den kommenden Jahren den Durchbruch schaffen würden - jeweils verpackt als Erfolgsgeschichte eines innovativen Start-ups. 

Mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten habe ich meine Texte von damals noch einmal angeschaut: Was ist aus der damaligen Zukunft geworden? Und wie tauglich ist eine solche freihändige Ideenproduktion als Prognoseinstrument? Kommt also das Neue, das in der Luft liegt, auf den Boden der Tatsachen - oder eben nicht? Eine Innovationsbilanz nach 20 Jahren.


Technik vor Geschäftsmodell


Long story short: Die imaginierten technischen Erfindungen haben sich weit besser durchgesetzt als die dazu gedachten Geschäftsmodelle. Um mit Innovationen und ihren Folgen herumzuspinnen, ist eine Erzählung über einen Entrepreneur ein hilfreiches Mittel. Sie macht mögliche Zukünfte plastischer als eine Patentschrift. In der deutschen Realität hingegen haben Start-ups offenbar engere Grenzen. Eine hausgemachte Fortschrittsbremse, die auch heute noch praktisch unverändert im deutschen System eingebaut ist. 

Das zu ändern, wäre eine soziale Innovation. Allerdings haben auch die sozialen Innovationen, die vor 20 Jahren in unsere 12 Erfindungen eingebaut waren, so gut wie nicht stattgefunden. Das ist natürlich zum einen ein Indikator dafür, dass sozialer und kultureller Wandel zäher vorankommt als technische Neuerungen. Zum anderen zeigt sich damit aber auch, wo noch reichlich Potenziale lägen, wenn sich unsere Gesellschaft einmal bewegen würde.


Das Smartphone: der blinde Fleck in der Vorhersage


Den mit Abstand größten Innovator der letzten 20 Jahre hatte ich überhaupt nicht auf der Rechnung: das Smartphone. Es war damals zwar klar, dass Apple nach iMac, iTunes und iPod ein "Next Big Thing" versuchen würde, aber ich hatte auf eine andere Disruption gesetzt: "iBucks", eine Bezahl-Hardware, so etwas wie ein USB-Stick mit Zahlungsfunktion. Das hätte den gesamten Finanzsektor revolutionieren können - aber stattdessen kam das iPhone und stellte sämtliche Kommunikationsbranchen auf den Kopf. 

Eine ganze Reihe meiner weiteren "Erfindungen" sind denn auch schlicht vom Smartphone aufgesaugt worden. Besonders augenfällig wird das bei einer Innovation namens "Ixat": Ich hatte mir das als Umkehrung des Taxis vorgestellt, ein Service, der mich nicht von A nach B bringt, aber mir jeweils die Information gibt, wie ich jetzt gerade am besten von A nach B käme. Das ist heute schlicht die Navi-Funktion des Smartphones - fast unvorstellbar, dass es etwas so Selbstverständliches im Jahr 2006 noch gar nicht gab. 

Ähnliches gilt für ein Ticketing-System, das den technischen Kern eines Mütter-Netzwerks bildete. Es ist eine reichlich umständliche Beschreibung für einen Service, der heute von Dutzenden von Apps ganz selbstverständlich angeboten wird: ein Netzwerk zur Vermittlung persönlicher Kompetenzen und Fertigkeiten (hier von Müttern). Die Erfindung hat also durchaus korrekt eine Revolutionierung des Alltags durch das mobile Internet antizipiert - aber auf Grundlage des Telefons. Das heute nachzulesen, wirkt ein bisschen wie eine Zukunftsvision von vor 120 Jahren, die korrekt die Eroberung des Luftraums vorhersagte - aber durch Zeppeline. 

Bei anderen meiner damaligen "Erfindungen" könnte man inzwischen sagen: Das macht doch die KI. Jepp, so sieht es aus. Der "Coaching-Konzern" für die Begleitung bei beruflicher Orientierung und Neuorientierung von 2006 entspricht etwa dem, was ChatGPT heute schon ganz gut und morgen wahrscheinlich ziemlich perfekt leistet. Auch die Erstellung von individualisierten Servicebüchern oder das millionenfache Schreiben von Autobiographien wird wohl der KI überlassen bleiben. Wenn sich da tatsächlich Fenster für Entrepreneure auftun, dürften sie irgendwo auf dem Weg zum Massenmarkt von den Digitalkonzernen geschlossen werden.


Soziale Innovationen: heute so fern wie damals


Weit größere und nachhaltigere Chancen für Start-ups werden sich auf der lokalen Ebene öffnen: im Kiez, auf dem Spielplatz, im Verein, überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Denn das wird zumindest auf absehbare Zeit die KI nicht ersetzen können. Auf dieser Ebene waren zwei meiner damaligen Erfindungen angesiedelt: Das bereits erwähnte "Müttervergoldungswerk", bei dem produktive Potenziale und Vernetzungsmöglichkeiten genutzt werden, die sich am Spielplatz und in Krabbelgruppen auftun. Und zweitens die "Mensufaktur", eine Kooperation auf Nachbarschaftsebene, bei der es nicht so sehr ums Sharing von Bohrmaschinen oder Heckenscheren geht, sondern von Expertenwissen und Erfahrungen. Beide Konzepte beruhten auf sozialen Innovationen, die heute noch genauso fern sind wie damals. Die Familienphase ist immer noch ein Karrierekiller, und auch das Coworking in der Nachbarschaft bleibt ein weitgehend ungenutzter Möglichkeitsraum. 

Ist es typisch, dass der gesellschaftliche Wandel so viel langsamer geht als der technische? Vermutlich: Für soziale Innovationen braucht es wohl eher revolutionäre Situationen, in denen alte Gewissheiten ins Trudeln geraten, wie einst bei den 68ern. 

Derzeit gibt es einige, die der KI ein solches revolutionäres Potenzial zutrauen. Das Tempo, in dem gerade alte, tradierte Geschäfts- und Organisationsmodelle pulverisiert werden, verbunden mit dem Empowerment, das die Individuen durch KI-Unterstützung bekommen, kann zum Treiber für massive soziale Disruption - und Innovation - werden. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie groß diese Potenziale tatsächlich sind.


Visionen für die Zukunft


Zum Schluss noch ein gesonderter Blick auf drei Ideen von damals, aus denen noch gar nichts geworden ist. Vielleicht haben sie ja das Zeug, als Nächstes groß rauszukommen? 

Die Schule der Nationen war der Versuch, aus der Groß-Brache der Gebäude des Flughafens Berlin-Tempelhof eine Bildungslandschaft zu machen - mit ein paar Auslandsschulen in den Hangars am linken Flügel, ein paar Spezialschulen im rechten Flügel, einem gemeinsamen Event-Space in der ehemaligen Schalterhalle und einem Markt der Möglichkeiten auf dem Platz der Luftbrücke davor. Wie es in Berlin so geht, gibt es auch nach 20 Jahren noch nicht den Hauch einer Idee, wie diese gewaltige Gebäudemasse angemessen bespielt werden könnte. Da kann ein solches Multiple-School-Konzept immer noch zum Zuge kommen. Die Disruption des Bildungswesens, die uns durch KI bevorsteht, könnte jedenfalls ein prägnantes Symbol gut gebrauchen. 

Die Wikitelopedie war gedacht als eine Art Wikipedia für die Zukunft: Dabei sollte irgendwie aus dem Gesamt-Material von Science-Fiction- und anderen Zukunfts-Texten etwas werden, das Zukunft prognostizieren kann. So richtig ausgefeilt war die dafür benötigte Technologie damals nicht - die Erfindung war auch sehr kurzfristig ins Programm genommen worden, als eine Art Nachruf auf den am 27. März 2006 verstorbenen Stanislaw Lem. Aber mit KI sollte ein Zukunfts-Wiki doch wohl möglich sein, oder? 

Das Abwassertaxi schließlich war die älteste aller Erfindungen in dieser Serie. Es beruhte auf einer Idee, die am 13. Mai 1972 (!) nach einem simulierten Terroranschlag (!) entstand: In der Game-Show (!) "Wünsch dir was" wurde live im ZDF (!) auf der Bühne ein Auto in die Luft gesprengt (!!) - und direkt danach veranstaltete ebenfalls live Robert Jungk (!) eine Zukunftswerkstatt mit den Kandidaten über Alternativen zum Autoverkehr. 

Zugegeben, diese Idee, nämlich die städtischen Abwasserkanäle für den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, wird wohl für immer eine Zukunftsvision bleiben; aber zumindest für den Gütertransport könnten diese Kanalnetze tatsächlich eines Tages genutzt werden. 

Auf ein Datum dafür möchte ich mich diesmal aber nicht mehr festlegen. 


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Wir erfinden - alle 12 Folgen von 2006 in der Übersicht 

Die Serie ist im Frühjahr 2006 zwischen 23. Februar und 11. Mai erschienen. Die Links zu den einzelnen Folgen finden sich in der Spalte rechts. 


Folge 1: 

Der Chief Destructive Officer, der ohne Ansehen von Rang und Person schlicht nach dem gesunden Menschenverstand urteilt und Unternehmen so von hirnverbrannten Projekten befreit. / 23.02.2006 


Folge 2: 

Die Mensufaktur, eine Mischung aus Ich-AG und Denkfabrik, zu der sich Bewohner eines Wohnblocks zusammenschließen, um Kompetenzen zu bündeln und gemeinsam auf den Markt zu treten. / 02.03.2006 


Folge 3: 

Der iBuck, ein kleines Etwas von Apple, mit dem man überall dort bezahlen kann, wo ein USB-Anschluss vorhanden ist - also überall. Schade, Deutsche Telekom! Schade, Deutsche Bank! Das Geschäft mit dem Zahlungsverkehr ist nicht weg - es hat jetzt bloß ein anderer. / 09.03.2006 


Folge 4: 

Die Schule der Nationen auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, ein internationales Schulkonzept für alle Lehrer, Schüler und Eltern, die der grauen Monotonie der konventionellen Massenschule entfliehen wollen. / 16.03.2006 


Folge 5: 

Das Müttervergoldungswerk - eine Netzwerkorganisation, die es jungen Müttern erlaubt, exzellente Ausbildung und Spielplatz, Arbeitshunger und Kinderzimmer virtuos miteinander zu verbinden. / 23.03.2006 


Folge 6: 

Die Wikitelopedie - ein Zukunftslexikon im Internet zu Ehren des verstorbenen polnischen Science-Fiction-Schriftstellers Stanislaw Lem. / 30.03.2006 


Folge 7: 

Die Automato-Biographie: Göte, die weltweit erste Software, die selbständig Autobiographien schreiben kann. Der absolute Geschenktipp für Menschen, die ihr Leben sonst nie zu Papier bringen könnten. / 06.04.2006 


Folge 8: 

Die Arbeitnehmerberatung - aus einer Agentur für von Outplacement betroffene Arbeitnehmer entwickelt sich ein Coaching-Konzern für die Begleitung bei beruflicher Orientierung und Neuorientierung. / 13.04.2006 


Folge 9: 

Das Abwassertaxi, das Warensendungen schnell und ohne Stau ans Ziel bringt. Es fährt durch unterirdische Abwasserkanäle, die alle Orte miteinander vernetzen. An den Gullys warten dann die Zusteller für die letzten Meter zur Haustür. / 20.04.2006 


Folge 10: 

Das Individualbuch, eine für jeden Leser individuell zusammengestellte Sammlung von Geschichten über Geburtserlebnisse, dank passgenauer Anzeigen der Werbekunden zum Schnäppchenpreis. / 27.04.2006 


Folge 11: 

Der Super Buddy, die erfolgreichste TV-Serie der nächsten fünf Jahre, welche die hohen Ehescheidungsraten in Deutschland zum Schmelzen bringen wird. Mehr als eine Stammtisch-Idee? / 04.05.2006 


Folge 12: 

Ixat oder Mobilitätsberatung in Echtzeit. In Sekundenschnelle erhält man Informationen aufs Handy oder Laptop, wie man am bequemsten, schnellsten, billigsten und ökologischsten von A nach B kommt. Egal mit welchem Verkehrsmittel. / 11.05.2006 



Zitate


"Die imaginierten technischen Erfindungen haben sich weit besser durchgesetzt als die dazu gedachten Geschäftsmodelle. (…) Allerdings haben die sozialen Innovationen, die vor 20 Jahren in unsere 12 Erfindungen eingebaut waren, so gut wie nicht stattgefunden." Detlef Gürtler: Wir hatten erfunden

"Größere und nachhaltigere Chancen für Start-ups werden sich auf der lokalen Ebene öffnen: im Kiez, auf dem Spielplatz, im Verein, überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Denn das wird zumindest auf absehbare Zeit die KI nicht ersetzen können." Detlef Gürtler: Wir hatten erfunden

"Ist es typisch, dass der gesellschaftliche Wandel so viel langsamer geht als der technische?" Detlef Gürtler: Wir hatten erfunden

"Das Tempo, in dem gerade alte, tradierte Geschäfts- und Organisationsmodelle pulverisiert werden, verbunden mit dem Empowerment, das die Individuen durch KI-Unterstützung bekommen, kann zum Treiber für massive soziale Disruption - und Innovation - werden." Detlef Gürtler: Wir hatten erfunden

 

changeX 04.04.2026. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Autor

Detlef Gürtler
Gürtler

Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.

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