Von unten

Klassengesellschaft akut - zum Buch von Nicole Mayer-Ahuja
Von Winfried Kretschmer

Lange Zeit galt es als ausgemacht: Der Klassengegensatz hat seine Bedeutung verloren. Die Klassenzugehörigkeit bestimmt nicht mehr entscheidend über die Verteilung von Lebenschancen, weil die sozialen Schichten durchlässig geworden sind. Sozialer Aufstieg für alle ist möglich. Das war das Credo der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Vorbei, sagt die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja: Seit die soziale Ungleichheit massiv zugenommen hat, ist die Klassengesellschaft wieder akut. Eine starke These.

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Klassengesellschaft - hier, bei uns? In der Tat: Abseits der Gespräche in linken politischen Milieus wie der Fachdiskussionen in der Soziologie muss ein Buch befremdlich wirken, das eine Renaissance der Klassengesellschaft behauptet. Klassen wirken wie aus der Zeit gefallen, denn die Vorstellung einer statischen Teilung der Gesellschaft scheint an den heterogenen Realitäten komplexer moderner Gesellschaften vorbeizugehen. Klassen: Ist das nicht ein zu simples Modell für eine hochgradig ausdifferenzierte gesellschaftliche Realität? 

"Wie - bei uns?" Die Überschrift unserer kurzen Rezension des Buchs Klassengesellschaft akut von Nicole Mayer-Ahuja greift diesen Vorbehalt auf und nutzt ihn als Einstieg in das heikle Thema. Denn offensichtlich ist der Begriff der Klasse hochgradig politisch aufgeladen und zudem selbst dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Nicht zuletzt rührt es an das Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Denn dazu gehört die Gewissheit, dass der Klassengegensatz hierzulande keine Rolle mehr spielt. Weil die Klassenzugehörigkeit nicht mehr entscheidend über die Zuweisung von Lebenschancen bestimmt. Weil die sozialen Schichten durchlässig geworden sind. Kurzum, der Gegensatz von Kapital und Arbeit hat seine prägende Kraft verloren, so das Credo. Vielleicht ist dies sogar der soziale Gründungsmythos der deutschen Nachkriegsgesellschaft.


Eine Gesellschaft ohne Klassen?


Das war nicht nur politischer Grundkonsens, der die Volksparteien einte, sondern auch die vorherrschende Meinung in der Soziologie der Nachkriegszeit. Helmut Schelsky vor allem postulierte mit dem Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (1953) eine sozialpolitisch austarierte Gesellschaft. Er entwarf das Bild einer Gesellschaft, die durchlässig geworden war, die Aufstiegschancen eröffnete und Wohlstand unabhängig vom gesellschaftlichen Status versprach. Eine Gesellschaft, die um ihre Mitte kreiste und den Konflikt zwischen Unter- und Oberschicht auszugleichen suchte. 

Populär wurde eine grafische Darstellung, die dieses Modell symbolisch zum Ausdruck brachte. Sie war zugleich Beschreibung der Sozialstruktur und Ausdruck des Selbstbilds der jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft: die "Bolte-Zwiebel", benannt nach Karl Martin Bolte, Professor für Soziologie zunächst in Hamburg, dann in München. Im Gegensatz zu den Sozialstrukturmodellen klassischer Industriegesellschaften mit einer breiten Arbeiterschaft und einer kleinen Oberschicht hatte die Bolte-Zwiebel einen dicken Bauch mit nur geringen Ausprägungen ganz oben und ganz unten. Die gesellschaftspolitische Aussage dahinter war eindeutig: Diese Gesellschaft kennt kleine Klassen mehr. Die Klassengesellschaft ist passé. Die Bundesrepublik verstand sich als klassenlose Gesellschaft - in dem Sinne, dass Klassen kein Thema mehr waren. Soziale Unterschiede ja, Klassen nein. 

Diese Idee einer, soziale Unterschiede ausgleichenden, auf ihrer Mitte basierenden Gesellschaft prägte deren Selbstbild. Zwar verschwand die Idee der nivellierten Mittelstandsgesellschaft allmählich von der Bildfläche - wohl auch, weil das diesem Modell innewohnende Harmoniebestreben durchaus Parallelen zur NS-Ideologie der "Volksgemeinschaft" erkennen ließ -, die Idee des Ausgleichs sozialer Ungleichheit blieb aber je nach politischer Orientierung mehr oder weniger ausgeprägt und bestimmte das Selbstverständnis der Gesellschaft. Soweit ein kurzer historischer Rückblick. 

Dann aber - und so gesehen scheinbar unvermittelt - schlug die Klassengesellschaft wieder in der öffentlichen Debatte ein.


Renaissance der Klassengesellschaft


Es waren vor allem Oliver Nachtwey und Nicole Mayer-Ahuja, die die Rede von der Klassengesellschaft mit Nachdruck wieder in den Diskurs einführten. In ihrem Buch Verkannte Leistungsträger:innen, erschienen 2023, proklamierten der Soziologe und die Soziologin eine Renaissance der Klassengesellschaft: "Der Kapitalismus hat von Anfang an eine Klassengesellschaft hervorgebracht, und in ihr leben wir bis heute. Lange Zeit galten Klassen jedoch als etwas, das der Vergangenheit angehörte"- das aber habe sich geändert, weil seit den 1980er-Jahren die soziale Ungleichheit deutlich zugenommen hat. 

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Nicole Mayer-Ahuja widmet der Wiederkehr der Klassengesellschaft nun ihr neues Buch und unterstreicht die Dringlichkeit der sozialen Frage: Klassengesellschaft akut lautet der Titel. Das Buch ist der exponierteste Appell seit Langem, sich wieder der Klassenfrage zuzuwenden. Es will zeigen, dass die alte Konfliktlinie keineswegs irrelevant geworden ist. Die Göttinger Soziologin wirft vielmehr die Frage auf, "warum in einer Gesellschaft, die angeblich immer individueller, vielfältiger und bunter wird, eine schroff ungleiche Verteilung von Lebenschancen nicht nur fortwirkt, sondern sogar an Bedeutung gewinnt". Ihre Antwort lautet schlicht: "Lohnarbeit bleibt Lohnarbeit - die Klassengesellschaft bleibt Klassengesellschaft." Das klingt zunächst apodiktisch, doch geht es der Autorin nicht um den alten Antagonismus, sondern vor allem um die neue Form, in der er sich heute präsentiert. "Die arbeitende Klasse … hat immer wieder ihr Gesicht verändert" - und das heißt, sie tut es auch heute. Dieser Wandel, und das heißt vor allem: die Heterogenität und Vielgestaltigkeit, die Arbeit heute angenommen hat, ist das Thema des Buchs. Das zentrale Argument, das Mayer-Ahuja vorbringt, schlägt eine Brücke zwischen dieser Vielgestaltigkeit im Konkreten und einem allgemeinen Prinzip: "Bei aller Buntheit und Vielfalt gibt es jedoch ein Element, das all diese Tätigkeiten verbindet: Sie werden in der Regel auf Grundlage von abhängiger Beschäftigung ausgeübt - angesichts der Verallgemeinerung von Lohnarbeit gilt das inzwischen für mehr als 90 Prozent der Erwerbstätigen." Und diese Heterogenität der Arbeitswelt beschreibt Mayer-Ahuja eingehend und präzise. 

Damit hat sich der eingangs genannte Einwand erledigt: Die Klassenfrage neu zu stellen heißt nicht, die Vielgestaltigkeit und Heterogenität der Gesellschaft zu ignorieren. Es gilt beides: die allgemeine Struktur und das Granulare, die Vielgestaltigkeit im Detail. Diese beiden Dimensionen hat Mayer-Ahuja im Blick. Oder anders gesagt: So einfach das Klassenmodell gestrickt sein mag, so heterogen präsentiert sich die Arbeitswelt im Einzelnen. Dieser detailreiche Blick macht die gänzlich unideologische Stärke dieses Buchs aus, das sich nicht zuletzt auch gegen das negative Image wendet, das dem Begriff Klasse in Deutschland - anders als etwa in England und Frankreich - anhaftet.


Jenseits von Stand und Klasse?


Ein zweiter historischer Rückblick zeigt: Genau besehen kommt die Wiederkehr der Klassenfrage nicht so plötzlich und unvermittelt, wie es zunächst den Anschein haben mag. Zum einen war in der Soziologie das Thema Klassen ohnehin nie weg vom Fenster. Weder in der Theoriediskussion mit Bezug nicht nur auf Marx, sondern auch auf Max Weber, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann. Und schon gar nicht in der Arbeits- und Industriesoziologie mit zahlreichen empirischen Studien zu den Arbeitsverhältnissen in den Wirtschaftsbetrieben. Freilich war das Bild uneinheitlich, vielleicht sogar unübersichtlich, auch weil exponierte Soziologen dem Klassenmodell den Laufpass gaben, wenn auch unter anderen Vorzeichen als in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Insbesondere Ulrich Beck, der 1983 einen Aufsatz mit dem leitmotivischen Titel "Jenseits von Stand und Klasse" veröffentlichte. Darin argumentierte der Münchner Soziologe, dass sich die soziale Ungleichheit verschoben habe: von relativ festgefügter sozialer Schichtung hin zu einer Individualisierung der Lebensverhältnisse. Prozesse der Diversifizierung und Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen würden "das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterlaufen und in seinem Realitätsgehalt infrage stellen". In einer individualisierten Gesellschaft würden Klassenidentitäten bedeutungslos, so Beck, der auch von einem "Fahrstuhleffekt" zwischen den sozialen Schichten sprach. Beck reagierte mit seinen pointierten Thesen auf eine gesellschaftliche Umbruchsituation, die sich ökonomisch in einer Aneinanderreihung von Krisen äußerte. Das ist der zweite Aspekt. 

Mit den ökonomischen Krisen und der Verschärfung des Wettbewerbs im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts wurden dann soziale Unterschiede wieder vermehrt zum Thema. Wachsender Produktivitätsdruck führte zu einer Flexibilisierung der Arbeit. Die Zunahme von Teilzeitarbeit und von befristeten und geringfügig bezahlten Tätigkeiten ließen das Normalarbeitsverhältnis ausfransen und beendeten dessen kurzzeitigen Aufstieg zum dominierenden Standardmodell der Arbeit. Soziale Unterschiede traten wieder deutlicher zutage und soziale Konflikte verschärften sich. 

Es war ein Bruch. Eine andere gesellschaftliche Normalität entstand. Von "prekärer Arbeit" und dem Abrutschen von Teilen der Arbeiterschaft ins Prekariat war die Rede. Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung lautete beispielsweise der Titel eines Sammelbandes zum Thema "die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts" (2009). Auch in der öffentlichen Debatte rückten die neue soziale Ungleichheit und die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse zunehmend ins Licht. Die Begriffe Klassen und Klassengesellschaft blieben jedoch weiterhin im Dunklen. Sie standen unter Ideologieverdacht. Aber es zeichnete sich ab, dass soziale Ungleichheit wieder an Bedeutung gewann.


Gesellschaft von unten


Noch einmal zurück zum Buch. Zwei zentrale Punkte bringt Mayer-Ahuja vor, um ihre These von der (wieder) akut gewordenen Klassenfrage zu begründen: erstens die Verallgemeinerung von Lohnarbeit und zweitens die soziale Realität, wie sie sich zeigt, wenn man unsere Gesellschaft von unten betrachtet. Es lohnt, diese Befunde etwas genauer anzusehen. 

Punkt eins: Zunächst einmal ist es eine nüchterne, sachliche Definition, die die Autorin einführt: "Unter der arbeitenden Klasse wird hier die wachsende Gruppe jener Menschen verstanden, die ihre Existenz durch den Verkauf der eigenen Arbeitskraft sichern müssen, also Lohnarbeit leisten. Sie werden als Lohnabhängige bezeichnet, denn sie sind zwingend auf die Einkünfte aus dem Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen, weil sie nicht oder zumindest nicht dauerhaft von Ersparnissen oder anderen Einkommensquellen leben können. Zugleich sind sie insofern ‚abhängig beschäftigt‘, als sie in der Regel weisungsgebunden unter Vorgesetzten arbeiten." Die Zugehörigkeit zur arbeitenden Klasse sei somit "ein schlichter ökonomischer Tatbestand", der mit der Verallgemeinerung von Lohnarbeit zudem einen wachsenden Kreis der Bevölkerung betrifft. Hinzu kommt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich weitgehend parallel zur Scheidelinie zwischen Kapital und Arbeit verlaufe. 

Punkt zwei: Differenziert beschreibt Mayer-Ahuja die Heterogenität und Vielgestaltigkeit, die die Arbeitsgesellschaft heute angenommen hat. Sie tut das mit einer besonderen Perspektive: Der Einsicht folgend, dass man Klassen am besten von unten erkennen kann, beschreibt sie die Lebenswirklichkeit der Menschen im unteren Segment der Gesellschaft und zeichnet präzise Erfahrungen der Beschäftigten in der Arbeitswelt von heute nach. Es sind Spuren gemeinsamer Erfahrungen, die auf Klassenschranken verweisen.


Spuren der Klassenfrage


Etwa, dass viele Festangestellte prekär beschäftigte Kinder oder Partnerinnen haben und sich selbst von Jobverlust bedroht sehen. Oder die Erfahrung, dass die eigene Arbeit angesichts steigender Leistungsanforderungen nicht mehr professionell erledigt werden kann. Zu diesen Realitäten "von unten" gehört zum Beispiel auch, dass Frauen mit höher qualifizierten Jobs - und mit ähnlich langen Arbeitszeiten wie ihre männlichen Kollegen - die Verantwortung für Hausarbeit und Kindererziehung an ihre "armen Schwestern" auslagern: an andere Frauen mit niedrigerem sozialen und beruflichen Status, die diese Arbeit dann in zumeist prekären Arbeitsverhältnissen erledigen. 

Nicht zuletzt zeige sich, dass "viele Beschäftigte … nach wie vor in Klassenkategorien denken", schreibt die Autorin. So ergab eine Befragung, dass sich mehr als die Hälfte der Befragten der Arbeiterklasse zugehörig fühlten - obwohl es im deutschen Arbeitssystem in offiziellen Regelungen keine Arbeiterschaft mehr gibt, wie die Autorin schreibt. Auch finden sich Hinweise, dass das Zugehörigkeitsgefühl zur Arbeiterschaft über Generationen weitergegeben wird und Menschen sich ihrer Herkunft wegen als Arbeiter sehen. Es sind Spuren, die darauf hinweisen, dass soziale Zugehörigkeit stabiler sein könnte als gedacht. 

Schließlich geht es der Autorin auch darum, inwieweit gemeinsame Erfahrungen bei der Arbeit auch heute zur Ausbildung eines Klassenbewusstseins führen können. Dabei scheint die Autorin jedoch davon auszugehen, dass der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit unüberbrückbar ist. Kapital hier, Arbeit dort. Doch lassen sich in einer heterogenen Arbeitswelt vielleicht doch Arrangements finden, die beiden Seiten gleichermaßen nutzen und gegenläufige Interessen ausgleichen? Zum Beispiel in Form einer Selbstorganisation von Arbeit in Teams. Also durch eine Veränderung der Organisation von Arbeit, eine andere Form der Arbeitsteilung, die die Autonomie der Arbeit erhöht und zugleich Kosten reduzieren, die Effektivität erhöhen und die Arbeitszufriedenheit steigern kann. Derartige Ansätze finden sich im Buch leider nicht; dafür ist die Dichotomie des Klassenmodells dann wohl doch zu mächtig. Schade auch, dass Mayer-Ahuja sich weitgehend auf die Klassentheorie von Marx stützt. Angesagt und wünschenswert wäre hingegen ein integrierender Ansatz, der unterschiedliche Klassen- und Schichtungsmodelle an der spätmodernen Gesellschaftsformation vergleichend untersucht. Wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft. 

Eine wichtige Erkenntnis gilt es indes noch zusammenzufassen, ein Zwischenfazit gewissermaßen: Letztlich stehen zwei gegenläufige Entwicklungen einander gegenüber: die Verallgemeinerung von Erwerbsarbeit auf der einen und ihre zunehmende Heterogenisierung auf der anderen Seite. Anders formuliert: Erwerbsarbeit als abhängige Beschäftigung wird zur gesellschaftlich dominierenden Form, zugleich aber zeigt sich ihre konkrete Gestalt immer vielfältiger und individueller. Ein Prinzip verallgemeinert sich und zugleich wird das konkrete Erscheinungsbild immer heterogener. Ein paradoxes Bild.


Lange Welle der Themenkonjunktur


Am Ende bleibt die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Klassen ausgeblendet blieben und die Rede von der Klassengesellschaft als ideologisch kontaminiert galt. Der soziale Gründungsmythos der Republik spielte dabei sicher eine Rolle, auch das deutsche Arbeitssystem mit der Rollenbeschreibung der Interessenvertretung von Kapital und Arbeit als Sozial- und Tarifpartner. Auch das Parteiensystem mit zwei großen Volksparteien, die sich beide als klassenübergreifend etablierten und inszenierten, hat sicher dazu beigetragen, dass die Idee einer sozial ausgleichenden, sich aus durchlässigen Schichten zusammenfügenden Gesellschaft zum Leitbild wurde. Zum gesellschaftlichen Paradigma. Das, wie alle Paradigmen, abweichende oder gegenläufige Interpretationen ausschließt. So erkennt Mayer-Ahuja eine Tendenz, Klassenunterschiede zu verleugnen. Weil es Klassenunterschiede nicht geben soll, würden sie kaum dokumentiert und selten untersucht. Eine solche Ausblendung liegt in der Logik von Paradigmen. 

Und sie fügt sich in ein übergeordnetes Muster: in gesellschaftliche Themenkonjunkturen, die oftmals in Form einer langen Welle verlaufen. Dem folgt auch die Thematisierung von Ungleichheit. Das ist das Thema des jüngsten Buches des Ungleichheitsforschers Branko Milanović: Visionen der Ungleichheit, so der Titel, beschäftigt sich mit der Ideengeschichte der Politischen Ökonomie vom 18. Jahrhundert bis heute. Eine der Kernaussagen des Werkes bestehe darin, schreibt Mario Wintersteiger in seiner Rezension für pro zukunft, dass sich die Perspektiven auf das Thema soziale Ungleichheit historisch mehrfach verändert haben und die Auseinandersetzung damit gewissen Konjunkturen unterlag. Die Grundlagen der Ungleichheitsforschung wurden früh gelegt, und soziale Ungleichheit und die Klassenfrage standen lange Zeit im Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Während des kalten Krieges jedoch, notiert Milanović, "verschwand die Forschung zu diesen Themen in beiden Systemen", dem westlichen kapitalistischen wie dem östlichen realsozialistischen. Die Forschung durchschritt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Talsohle und erlebte erst in jüngerer Zeit eine beachtliche Renaissance, so Milanović. Beobachten lässt sich also eine lange Welle der Themenkonjunktur mit einem stark nachlassenden Interesse im Systemkonflikt nach dem Zweiten Weltkrieg und einem schnellen Bedeutungszuwachs im neuen, dem 21. Jahrhundert. Vor diesem Hintergrund ist die scheinbar überraschende Renaissance des Klassenbegriffs zu sehen. 

Das bedeutet: Wir alle sind Teil dieses Zyklus. Wie wir auf soziale Ungleichheit schauen und die Schichtung in der Gesellschaft benennen und beurteilen, ist mit bestimmt vom Verlauf der Konjunktur dieses Themas. 

Also: Wie schauen wir ganz persönlich auf Ungleichheit? Und wie halten wir es mit der Klassenfrage? 


Weitere zitierte Literatur 

Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey (Hg.): Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 567 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-518-03601-3 

Branko Milanović: Visionen der Ungleichheit. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, aus dem Englischen Stephan Gebauer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, 443 Seiten, 34 Euro (D), ISBN 978-3-518-58817-8 

 

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Zitate


"Doch obwohl wir es nun seit mehr als zwei Jahrhunderten mit einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu tun haben, verändert diese doch permanent ihr Gesicht." Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

"Unter der arbeitenden Klasse wird hier die wachsende Gruppe jener Menschen verstanden, die ihre Existenz durch den Verkauf der eigenen Arbeitskraft sichern müssen, also Lohnarbeit leisten. Sie werden als Lohnabhängige bezeichnet, denn sie sind zwingend auf die Einkünfte aus dem Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen, weil sie nicht oder zumindest nicht dauerhaft von Ersparnissen oder anderen Einkommensquellen leben können. Zugleich sind sie insofern ‚abhängig beschäftigt‘, als sie in der Regel weisungsgebunden unter Vorgesetzten arbeiten." Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

"Bei aller Buntheit und Vielfalt gibt es jedoch ein Element, das all diese Tätigkeiten verbindet: Sie werden in der Regel auf Grundlage von abhängiger Beschäftigung ausgeübt - angesichts der Verallgemeinerung von Lohnarbeit gilt das inzwischen für mehr als 90 Prozent der Erwerbstätigen." Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

"Lohnarbeit bleibt Lohnarbeit - die Klassengesellschaft bleibt Klassengesellschaft." Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

"Die Zugehörigkeit zur arbeitenden Klasse ist … ein schlichter ökonomischer Tatbestand - wer die eigene Arbeitskraft verkauft, ist Teil dieser Gruppe." Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

"Der Kapitalismus hat von Anfang an eine Klassengesellschaft hervorgebracht, und in ihr leben wir bis heute. Lange Zeit galten Klassen jedoch als etwas, das der Vergangenheit angehörte." Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey: Verkannte Leistungsträger:innen

"Die Klassengesellschaft hat in dem Maße ihr Gesicht verändert, wie sich die Art und Weise des Wirtschaftens gewandelt hat." Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey: Verkannte Leistungsträger:innen

"Also: Wie schauen wir ganz persönlich auf Ungleichheit? Und wie halten wir es mit der Klassenfrage?" Buch-Feature Klassengesellschaft akut

 

changeX 27.03.2026. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet - und wie es anders gehen kann. Verlag C.H.Beck, München 2025, 279 Seiten, 26 Euro (D), ISBN 978-3-406-83783-8

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.

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