Vergessenes, Ausgeblendetes, Übersehenes

pro zukunft-Buchkolumne - fünf Bücher zeigen Lücken in Theorien und Debatten
Rezensionen: Stefan Wally, Katharina Kiening, Andreas Koch und Mario Wintersteiger

In polarisierten gesellschaftlichen Debatten stehen sich zwei Positionen unversöhnlich gegenüber. Doch sind es wirklich nur und immer genau zwei? Und was kommt bei dieser Zuspitzung nicht zur Sprache? Diese Fragen stellen sich nicht nur beim Thema Polarisierung. Überall, in Debatten ebenso wie in Theorien, werden wichtige Argumente und Perspektiven ausgeblendet, vergessen, übersehen, fallen unter den Tisch. Fünf Bücher beleuchten Lücken und dunkle Flecken populärer Anschauungen. Das Nicht-Gesehene. Das Nichtwissen im Wissen.

Um die folgenden Autoren und ihre Bücher geht es: Der Philosoph Dieter Thomä kritisiert die nicht enden wollenden Versuche, gesellschaftliche Phänomene mit der Vorsilbe "Post" zu beschreiben. Sein Argument: Diese Beschreibung verzerrt die Wahrnehmung, indem sie ein Bild einer Vergangenheit konstruiert, das aber weiterhin die Gegenwart prägt. Thomä plädiert dafür, der Zukunft die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient, statt in der Post-Perspektive den Blick auf das Gewesene zu fixieren. Olaf L. Müller, Wissenschaftsphilosoph in Berlin, warnt vor einem Atomkrieg. Müller macht deutlich, dass dieser zwar in Folge des atomaren Gleichgewichts aus dem Bewusstsein gerückt ist, aber nach wie vor eine reale Gefahr darstellt. Eine beunruhigende Erkenntnis angesichts eines internationalen politischen Geschehens, das wie eine Neuerfindung des absurden Theaters anmutet. Der Soziologe Nils C. Kumkar bereichert die Debatte über gesellschaftliche Polarisierung um eine wichtige Differenzierung. Er betont, dass sich nicht Einstellungen oder Unterhaltungen polarisieren, sondern die Kommunikation über diese Einstellungen und Haltungen. Kein unwesentlicher Unterschied. Der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanović, Experte auf dem Gebiet der Einkommensverteilung, argumentiert, dass sich das Denken über soziale Ungleichheit im Lauf der Jahrhunderte verändert hat und Themenkonjunkturen unterworfen war. Das bedeutet: Was wir über soziale Ungleichheit denken, ist selbst Teil dieses Thematisierungswandels. Leif Weatherby, Professor an der New York University, will die Debatte über KI und Large Language Models (LLMs) vom Kopf auf die Füße stellen. In seinem Buch argumentiert er: Wir starren zu sehr auf die vermeintliche Intelligenz, das Menschenhafte der Maschine und übersehen dabei das Wesentliche - die Sprache selbst. KI aber versteht Sprache nicht. Sie fängt vielmehr genau jenen Aspekt der Sprache ein, der strukturell ist. KI verstehen heißt somit Sprache verstehen. 

Es geht also um Lücken und dunkle Flecken in populären Anschauungen. Um das Nicht-Gesehene. Das ist lehrreich, denn es schärft den Blick für das Nichtwissen im Wissen.


Aus Sicht der Postismen


Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe - von Dieter Thomä

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Dieter Thomä, deutscher Philosoph, zuletzt Professor an der Universität St. Gallen, äußert sich deutlich verärgert und kritisch über die zunehmende Tendenz, gesellschaftliche Phänomene mit der Vorsilbe "Post" zu beschreiben. Er zählt eine Reihe von Beispielen auf: postkapitalistisch, postheroisch, posthumanistisch, postmaterialistisch, postmigrantisch, postfaktisch und (immer wichtiger?) "Post-truth". Für Thomä ist der Boom dieser Vorsilbe ein starker Hinweis darauf, dass verschiedene Denkschulen ihren Erfolg oft weniger der Substanz und Originalität ihrer Theorien verdanken, sondern vielmehr der einfachen Anfügung dieses Präfixes, das eine oberflächliche Neuheit suggeriert. 

Er zieht einen Vergleich zu Zeiten, in denen neue Zustände mutiger und mit eigenen, originären Begriffen definiert wurden - Begriffen, die eine klare Abgrenzung und eine neue Perspektive boten. Als illustratives Beispiel führt Thomä an, dass Karl Marx sicherlich niemals das "Manifest der post-kapitalistischen Partei" verfasst hätte. Als besonders ärgerlich empfindet es der Autor, wenn Theoretiker und Theoretikerinnen, die den Begriff "Post-" verwenden, für ihre angebliche "Bescheidenheit" gelobt werden - mit der Begründung, sie würden darauf verzichten, großspurig Neues zu verkünden. Für Thomä ist diese Haltung jedoch nicht Bescheidenheit, sondern schlichtweg Einfallslosigkeit. 

Auf einer abstrakteren Ebene sieht Thomä das Problem in der Verwendung der Vorsilbe darin, dass sie den Einblick in das, was ist, grundlegend verzerrt. Unsere Analyse der Gegenwart wird zuerst im Kontrast mit dem Vergangenen vorgenommen. Thomä sagt, dass der semantische Kern, der in diesen "Post"-Positionen liegt, Wirkung entfaltet: Er definiert die Jetztzeit als eine "Nachzeit". Thomä bezieht sich auch auf andere Kritiker:innen des "Post-"-Konzepts, darunter die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown, die auf einen fundamentalen Widerspruch hinweist. Laut Brown signalisiert die Vorsilbe "Post-" zwar, dass etwas zeitlich nachgeordnet ist, aber keineswegs, dass die Vorphase damit "enthoben" oder überwunden wurde. Im Gegenteil: Das Vergangene sei in keiner Weise hinter sich gelassen worden, sondern präge die Gegenwart unweigerlich, wenn es diese nicht sogar dominiere. Thomä zitiert Browns prägnante Formulierung: "Anders gesagt, wir gebrauchen den Ausdruck ‚post‘ nur für eine Gegenwart, deren Vergangenheit sie weiterhin im Griff hat und sie strukturiert." Es ist fraglich, ob Theoretiker und Theoretikerinnen, die den Begriff "Post-" nutzen, das tatsächlich aussagen wollen. 

Thomä treibt seine Kritik noch weiter und äußert einen grundlegenden Verdacht: Könnte es sein, dass gar nicht die Vergangenheit die Folgezeit in diesem Sinne determiniert, sondern die Beschreibung eines "Post-Zeitraums" sich selbst ein bestimmtes Bild der Vergangenheit zurechtbastelt? Er stellt dabei die provokanten Fragen, ob vielleicht die Vergangenheit durch "Post"-Theorien umgedeutet wird und ob das Theoretisieren über die "Postmoderne" die Vergangenheit erst zu jener "Moderne" macht, die sie vielleicht in ihrer tatsächlichen Form niemals war. In seinem Werk widmet sich der Autor sehr ausführlich den Begriffen "Posthistoire", "Postmoderne" und "Postkolonialismus". Anhand dieser drei Beispiele zeigt er detailliert auf, welche beabsichtigten und unbeabsichtigten Effekte das Hinzufügen der Silbe "Post-" auf unsere gesellschaftlichen Debatten hatte. 

Abschließend stellt der Autor die Frage, was passieren würde, wenn man auf die Vorsilbe "Post-" ganz verzichten würde. Er plädiert: "Es ist höchste Zeit, die Blickrichtung zu ändern und der Zukunft, die von den Postismen schlampig behandelt worden ist, die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient." Thomä argumentiert, dass aktuelle und drängende globale Herausforderungen wie Klimawandel und Kriege das Potenzial hätten, als die gegenwärtig maßgeblich bestimmenden Fragen unserer Zeit behandelt zu werden. Diese fundamentalen Themen sollten die volle Aufmerksamkeit erhalten, anstatt dass die Gegenwart durch eine rückwärtsgewandte "Post-"Perspektive, die den Fokus unangemessen auf die Vergangenheit lenkt, verzerrt werde. Von Stefan Wally


Atomkrieg als reale Gefahr


Atomkrieg. Eine Warnung - von Olaf L. Müller 

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"Dieses Buch ist nichts anderes als eine Warnung; ich warne davor, die Möglichkeit eines Atomkriegs in der näheren Zukunft auf die leichte Schulter zu nehmen", schreibt Olaf L. Müller gleich zu Beginn seiner Publikation Atomkrieg, erschienen 2024. Etwas über 100 Seiten umfasst das Reclam-Heftchen, das der Philosoph und Professor an der Humboldt Universität zu Berlin hier vorgelegt hat. Politische Begebenheiten wie auch technologische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte werden nachgezeichnet, in der Jetztzeit liegt der Fokus auf dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Müller schreibt dabei klar und strukturiert, spricht sich für eine wohlinformierte Behutsamkeit aus: "Ich möchte Ihnen einerseits völlig wertfrei die Risiken vor Augen führen, die wir mit dem Blick auf die Atomkriegsgefahr für die Menschheit eingehen - und andererseits möchte ich dartun, warum es mangels objektiver Argumente zur Tragbarkeit der Risiken trotzdem vorzuziehen ist, sie auch unter erheblichen Opfern und Kosten zu verringern." Mit seinen Ausführungen löst Müller diese Absicht auf jeden Fall ein. Für den Autor steht dabei außer Frage, dass wir als Menschheit mehr dafür tun müssen, um die Risiken einer oder mehrerer Atombombenexplosionen auf ein Minimum zu verringern. 

Müller erinnert an die Zündung der ersten Atombombe in Los Alamos 1945, an die Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki, an die Kuba-Krise; er geht auf Vorwarnsysteme, die Zuverlässigkeit von Computern und auch Künstlicher Intelligenz ein, weist auf einen Fehlalarm aus dem Jahr 1983 hin, der, anders interpretiert, fatale Folgen hätten haben können. Er bespricht weiterhin etwa diplomatische Bemühungen oder das Scheitern derselbigen und erklärt, wie die Idee von atomarer Abschreckung begründet wurde - und wie sie sich auch kritisieren lässt. All das untermauert die drei von Müller vorangestellten Thesen, dass Atomkrieg eine reale Gefahr ist, dass er eine Urkatastrophe der Menschheit wäre und dass Verantwortliche die Risiken unterschätzen. 

Soweit ein kurzer Einblick. Es ist ein Büchlein, das es zu lesen lohnt. Denn, um bei den Worten von Müller zu bleiben: "Wir wären schlecht beraten, wenn wir die Augen vor der alleräußersten Gefahr verschlössen; präzise durchdachte Sorgen sind etwas anderes als Panik oder German Angst." Von Katharina Kiening


Nicht Einstellungen polarisieren, sondern die Kommunikation darüber


Polarisierung - von Nils C. Kumkar 

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In einer Zeit und in einer Welt, die aufgrund ihrer multiplen Krisen als hochgradig komplex charakterisiert wird, scheint Komplexitätsreduktion eine wünschenswerte, ja geradezu notwendige Strategie zur Aufrechterhaltung von kognitiver Orientierung und sozialer Ordnung zu sein. Die vermeintliche oder tatsächliche Überforderung im Prozess der Meinungsbildung und Einstellungsstabilisierung ergibt sich dabei nicht allein aus der Vielzahl an Krisen und Problemen, sondern auch aus der hohen Geschwindigkeit ihrer Veränderungen und Verschärfungen. Der Annahme, wir würden in einer "Exponentialgesellschaft" (Deutschmann 2025) leben, kann insofern eine gewisse Plausibilität zugesprochen werden. 

In seinem Buch Polarisierung analysiert der Soziologe Nils C. Kumkar diese Komplexitätsreduktion als bipolares kommunikatives Ordnungsmuster, das der Funktionslogik gegenwärtiger repräsentativ-demokratischer Gesellschaften entspricht. Mit dieser Beobachtung geht eine wichtige Differenzierung einher, die sich als roter Faden durch das Buch zieht: Kumkar betont immer wieder, dass sich nicht Einstellungen oder Haltungen polarisieren würden, sondern die Kommunikation über diese Einstellungen und Haltungen: "Wenn Menschen im Alltag, in der Politik, in den sozialen oder in den Massenmedien meinen, Polarisierung zu beobachten, dann beobachten sie nicht die Einstellungen der anderen, sondern was geredet und getan wird beziehungsweise vor allem, wie es geredet und getan wird." 

Kumkar ist es wichtig darzulegen, dass die Rede von der gespaltenen Gesellschaft empirisch nicht stichhaltig ist. Das Buch behandelt somit keine Gesellschaftsdiagnose; es richtet seinen Blick vielmehr auf die politischen und medialen Diskursstrategien der Zuspitzung, um Zugehörigkeit stiftende Inklusion beziehungsweise ausgrenzende Exklusion zu erreichen. Die Struktur des Buches folgt einer mehrfachen Kontextualisierung der kommunikativen Polarisierung. Es beginnt mit "Auf Polarisierung können wir uns einigen" über "Polarisierung schafft Übersicht", "Polarisierung lädt zum Mitmachen ein", "Polarisierung sells", und schließt vor dem Fazit mit "Polarisierung im Leerlauf". In dieser Struktur ist der Pfad von "wünschenswerter" in Richtung "notwendiger" Komplexitätsreduktion angelegt. Tatsächlich geht der Autor von dieser Eigenschaft kommunikativer Polarisierung aus: "Kommunikative Polarisierung ist (…) nicht nur wahrscheinlich, sondern geradezu Bedingung der Möglichkeit, thematische Debatten zu stabilisieren." 

Aus der Gemengelage von zunehmenden und sich verschärfenden Krisen, einer medialen Infrastruktur, deren Wert sich nach Reaktionsschnelligkeit und Gefolgschaft bemisst, und einer wachsenden Verunsicherung gesellschaftlicher und politischer Zukunftsfähigkeit, mag Kumkars Schlussfolgerung theoretisch schlüssig und empirisch kohärent sein. Insbesondere die analytische Differenzierung von Einstellung und Diskurs ist in der Frage der Bewertung gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse überaus hilfreich, da sie einen Beitrag zur Versachlichung der Debatten über Spaltungs- oder Polarisierungsfragen leistet. 

Wenigstens zwei Fragen bleiben bei mir nach der Lektüre des Buches noch offen. Erstens: Warum reduziert Kumkar die Vorstellung von Polarität auf den bipolaren Fall? Während die heutigen geopolitischen Verhältnisse als multipolar beschrieben werden, die Folgen der Klimakrise sich mehrdimensional auswirken, und auch politische Handlungsalternativen nicht im Entweder-oder-Schema verharren, ist es nicht ganz nachvollziehbar, warum das kommunikative Ordnungsmuster zwingend zweipolig angelegt ist. Damit werden Ambivalenzen, Vagheiten und räumlich-zeitliche Varianzen weitgehend ausgeblendet, für die es jedoch ebenso empirische Nachweise gibt. 

Zweitens: Warum wird das heutige Komplexitätsniveau gesellschaftlicher Probleme als im Prinzip unvergleichlich hoch eingestuft? Hier wäre eine historische und geografische Einordnung der Komplexitätsfrage angebracht. Denn auch in der Vergangenheit - ob in der Antike, im Mittelalter oder im 20. Jahrhundert - um nur drei Zeitepochen zu nennen - und regional unterschiedlich standen Gesellschaften vor großen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen. Gewiss haben sich mit der ökonomischen, politischen und kulturellen Globalisierung in der (Spät-)Moderne die Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Problemlagen verändert - gleichzeitig sind aber auch mit der ubiquitären Digitalisierung und der Ausdifferenzierung der multimedialen Infrastrukturen die gesellschaftlichen Verarbeitungskapazitäten gestiegen. 

Nichtsdestotrotz liegt Kumkars Verdienst darin, aufzuzeigen, dass diese Kapazitätspotenziale nicht zu einer pluralistischen, Diversität fördernden Kommunikationskultur geführt haben, sondern zu einer Verengung auf polarisierte und polarisierende Diskursmuster. Von Andreas Koch


Konjunkturen sozialer Ungleichheit


Visionen der Ungleichheit - von Branko Milanović 

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Der besprochene Band ist eine Ideengeschichte der politischen Ökonomie. Die titelgebenden "Visionen" sind dabei eher Sichtweisen auf den untersuchten Gegenstand: Es geht um die Schlaglichter, die in den klassischen Werken des volkswirtschaftlichen Kanons auf das Phänomen der ökonomischen Ungleichheit geworfen werden. Der Bogen wird vom 18. Jahrhundert ausgehend gespannt. Anders als der Untertitel suggeriert, widmet sich das Buch jedoch nicht nur der Zeit ab der Französischen Revolution - das erste Drittel der näher untersuchten Personen hat die maßgeblichen Werke bereits vor 1789 publiziert. 

Seine Suche nach Reflexionen zur Einkommens- und Vermögensverteilung beginnt Branko Milanović beim "Begründer der (…) Volkswirtschaftslehre", François Quesnay, der noch vor dem Hintergrund einer Stände- und Agrargesellschaft arbeitete; die Reise führt danach zu Adam Smith, bei dem sich der Fokus von der landwirtschaftlichen Ordnung hin zur industriellen Dynamik verschob; und er verläuft weiter über David Ricardo, der erstmals "Einkommensverteilung und Wirtschaftswachstum miteinander verknüpfte". Anschließend weist der Weg von der Analyse von Klassen hin zu jener von Individuen - und führt somit von Karl Marx, der während des historischen Gipfels der Vermögensungleichheit schrieb, hin zu Vilfredo Pareto und dem nach ihm benannten "Pareto-Prinzip". Den Reigen der Klassiker beschließt Simon Kuznets, der Vater der "Kuznets-Hypothese", bevor Milanović mit einer Evaluierung themenrelevanter Forschungen während des Kalten Krieges und einem Blick auf jüngere Entwicklungen endet. 

Eine der Kernaussagen des Werkes ist, dass sich die Perspektiven auf das Thema historisch mehrfach verändert haben. Darüber hinaus zeigt sich, dass auch die Auseinandersetzung mit ökonomischer Ungleichheit per se gewissen Konjunkturen unterlag: Die bedeutendsten Leistungen dazu wurden in der Zeit von Quesnay bis Kuznets erbracht, während des Kalten Krieges jedoch "verschwand die Forschung zu diesen Themen in beiden Systemen", weil weder die Neoklassik noch der Marxismus darin noch Relevanz erkennen konnten oder wollten. Milanović konstatiert folglich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert eine Talsohle entsprechender Forschung, auf die erst in jüngerer Zeit eine beachtliche Renaissance im Zeichen der Krise folgte. 

Das Buch nimmt die Herausforderung an, aus den vielfach als trocken und unzugänglich geltenden Klassikern der Ökonomie die Essenz zur Verteilungsfrage herauszudestillieren und diese zu kontextualisieren. Dabei sind vor allem die versammelten Schaubilder und Tabellen zur Beschäftigungs- und Einkommensstruktur verschiedener Jahrhunderte einen näheren Blick wert. Darüber hinaus finden sich auch Hinweise auf weniger bekannte ideengeschichtliche Details, zum Beispiel auf den "linken Smith" oder auf Alexis de Tocqueville als ungeahnten "Vorläufer" von Kuznets. Von Mario Wintersteiger


KI und die Struktur der Sprache


Language Machines - von Leif Weatherby 

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Es ist eine der drängendsten Fragen unserer digitalen Gegenwart: Wie gehen wir damit um, dass Maschinen nun zu sprechen lernen? In den vergangenen Monaten hat sich die Qualität des Outputs sogenannter Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT derart rasant entwickelt, dass es kaum mehr möglich ist, von Menschen produzierte Texte von den Ergebnissen künstlicher Intelligenzen zu unterscheiden. 

Leif Weatherby, Professor für Deutsch an der New York University und Direktor des dortigen Digital Theory Lab, tritt mit seinem neuen Buch Language Machines an, diese Debatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Seine Kernthese ist ebenso provokant wie entlastend: Wir starren zu sehr auf die vermeintliche Intelligenz, auf das Menschenhafte der Maschine, und übersehen dabei das Wesentliche - die Sprache selbst. 

Im Zentrum von Weatherbys Kritik steht ein Phänomen, das er als "Remainder Humanism" bezeichnet, als "Rest-Humanismus". Angesichts der Erfolge künstlicher Intelligenzen beobachten wir laut Weatherby einen Rückzug vieler Theoretikerinnen und Theoretiker. Sie versuchen krampfhaft, die besondere Stellung des Menschen zu verteidigen, indem sie definieren, was den Menschen nach Abzug der Fähigkeiten, die jetzt Maschinen haben, noch einzigartig macht. 

Weatherby identifiziert in seinem Buch zwei dominante, aber letztlich aus seiner Sicht irreführende Reaktionen auf den Aufstieg der LLMs, die beide diesem Rest-Humanismus entspringen: Zum einen gibt es die Fraktion der Intentionalitäts-Verteidiger. Diese Forscher argumentieren, dass Sprache untrennbar an die Intention einer sprechenden Person gebunden sei. Da einer KI diese innere Absicht fehle, könne man beim Output von Large Language Models gar nicht von echter Sprache sprechen. Zum anderen existiert der Diskurs über die "Superintelligenz". Hier wird der rapide Fortschritt der KI als Vorzeichen gedeutet, dass Maschinen menschliche Fähigkeiten bald gänzlich überflügeln werden. Ob dies nun als utopische Erlösung begrüßt oder als Katastrophe für die Spezies Mensch gefürchtet wird, ist zweitrangig - entscheidend ist für den Autor, dass auch hier die Entwicklung der KI permanent am Maßstab des menschlichen Seins gemessen wird. 

Weatherby attestiert diesem Humanismus, in einer Sackgasse zu stecken. Solange wir die Texte der künstlichen Intelligenz nur an ihrer Bedeutung in Relation zum Menschen messen, verfehlen wir das Phänomen. 

Um Weatherby zu verstehen, müssen wir die Sprache der KI direkt untersuchen und mit der Sprache des Menschen vergleichen, ohne sofort nach Intention oder Realitätsbezug zu fragen. 

Hier vollzieht Language Machines einen theoretischen Schulterschluss mit Denkansätzen aus der Geschichte der Linguistik. Weatherby erinnert an die Tradition des Strukturalismus, insbesondere an Ferdinand de Saussure. Für Saussure und seine Nachfolger war Sprache nie das exklusive Merkmal, das das Menschsein definiert, sondern ein autonomes System. 

Um Weatherbys Argumentation zu folgen, lohnt der von ihm vorgeschlagene Schritt zurück zu den Grundlagen: Saussure beschrieb die Beziehung zwischen einem Lautbild (dem Wort) und dessen Bedeutung als grundsätzlich willkürlich. Ein Wort wie "Tisch" weist keinen direkten, natürlichen Bezug zu den physikalischen Eigenschaften des Möbelstücks auf. Ausnahmen bilden lediglich seltene lautmalerische Begriffe wie "Kuckuck". 

Die Bedeutung von Sprache basiert demnach nicht auf einer magischen Verbindung zur Welt, sondern auf Konventionalität - auf gesellschaftlichen Übereinkünften, die sich über lange Zeiträume stabilisieren. Zufälligkeit und kollektive Regeln machen Sprache aus, nicht die individuelle kognitive Absicht im Moment des Sprechens. 

Wendet man diesen strukturalistischen Blick auf die heutige Technologie an, ergibt sich ein völlig neues Bild. Weatherby liest linguistische Theorie über Sprache beim Menschen parallel zur algorithmischen Architektur von LLMs und stellt fest: Die KI fängt genau jenen Aspekt der Sprache ein, der strukturell ist. 

Generative KI reproduziert die Art und Weise, wie Sprache zunächst komplex, kulturell und "poetisch" ist, und erst in zweiter Linie referenziell, funktional oder kognitiv. Das bedeutet, dass die KI nicht "denkt", sondern die statistischen und strukturellen Muster unserer Sprache simuliert. Weatherby sieht in den LLMs eine Konvergenz von Berechnung (Computation) und Sprache. 

Daraus leitet er eine spannende Forschungsperspektive ab: Wenn wir die Sprache als weitgehend autonomes System betrachten, wird die Textgenerierung durch KI zu einem hervorragenden Modell, um die ("menschliche" beziehungsweise vom Menschen genutzte) Sprache selbst besser zu verstehen. Weatherby verweist auf eine Analogie zur Geschichte der Rechenmaschinen: Wir haben längst akzeptiert, dass Taschenrechner menschliche Fähigkeiten im Anwenden mathematischer Systeme und im Produzieren von Ergebnissen weit übertroffen haben. Niemand käme heute auf die Idee, dass der Taschenrechner deshalb das Menschsein gefährdet. Von Stefan Wally 


Zitate


"Wir gebrauchen den Ausdruck ‚post‘ nur für eine Gegenwart, deren Vergangenheit sie weiterhin im Griff hat und sie strukturiert." Wendy Brown, zitiert in: Dieter Thomä: Post-

"Es ist höchste Zeit, die Blickrichtung zu ändern und der Zukunft, die von den Postismen schlampig behandelt worden ist, die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient." Dieter Thomä: Post-

"Ich warne davor, die Möglichkeit eines Atomkriegs in der näheren Zukunft auf die leichte Schulter zu nehmen." Olaf L. Müller: Atomkrieg

"Wir wären schlecht beraten, wenn wir die Augen vor der alleräußersten Gefahr verschlössen; präzise durchdachte Sorgen sind etwas anderes als Panik oder German Angst." Olaf L. Müller: Atomkrieg

"Wenn Menschen im Alltag, in der Politik, in den sozialen oder in den Massenmedien meinen, Polarisierung zu beobachten, dann beobachten sie nicht die Einstellungen der anderen, sondern was geredet und getan wird beziehungsweise vor allem, wie es geredet und getan wird." Nils C. Kumkar: Polarisierung

"Kommunikative Polarisierung ist (…) nicht nur wahrscheinlich, sondern geradezu Bedingung der Möglichkeit, thematische Debatten zu stabilisieren." Nils C. Kumkar: Polarisierung

"Language has entered the age of its algorithmic reproducibility." Leif Weatherby: Language Machines

"Die KI fängt genau jenen Aspekt der Sprache ein, der strukturell ist." Stefan Wally, Rezension Weatherby: Language Machines

 

changeX 21.04.2026. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 396 Seiten, 28 Euro (D), ISBN 978-3-518-58830-7

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: Olaf L. Müller Atomkrieg. Eine Warnung. Reclam Verlag, Stuttgart 2024, 111 Seiten, 7 Euro (D), ISBN 978-3-15-014599-9

Olaf L. Müller Atomkrieg

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: Polarisierung. Über die Ordnung der Politik. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 290 Seiten, 18 Euro (D), ISBN 978-3-518-12814-5

Polarisierung

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: Visionen der Ungleichheit. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, 443 Seiten, 34 Euro (D), ISBN 978-3-518-58817-8

Visionen der Ungleichheit

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: Language Machines. Cultural AI and the End of Remainder Humanism. University of Minnesota Press, Minnesota 2025, 264 Seiten, 27.95 $, ISBN 9781517919320

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Autorin

pro zukunft-Buchkolumne
<i>pro zukunft</i>-Buchkolumne

pro zukunft, das Buchmagazin für zukunftsweisende Debatten, wird herausgegeben von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die pro zukunft-Buchkolumne auf changeX präsentiert Rezensionen aus aktuellen Ausgaben des vierteljährlich erscheinenden Magazins in thematisch neuer Zusammenstellung.

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