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Verrechnet

Eine neue Aufklärung - Folge 2 des Gesprächs
Von Bernhard von Mutius und Winfried Kretschmer

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen - und des der anderen. Das könnte das Leitmotiv einer neuen Aufklärung sein, die auf einem neuen Denken und einem erweiterten Verständnis von Rationalität gründet. Die Koordinaten dieses neuen Denkens beschreibt Bernhard von Mutius in unserem Gespräch. In Folge zwei geht es um die Verengung von Vernunft auf die Ratio und die Vorherrschaft des berechnenden Denkens in der modernen Welt.

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Die erste Gesprächsschleife hat versucht, die Koordinaten eines neuen Denkens in unserer Zeit zu umreißen. Die fünf Kerngedanken: Das Nichtwissen im Wissen akzeptieren. Mit Komplexität umgehen lernen. Im Sowohl-als-auch denken - Chaos, aber auch Ordnung. Kontingenz akzeptieren: dass es meist anders kommt als geplant. Und alles anders sein könnte. Und schließlich: Widersprüche annehmen und produktiv machen. 

Die zweite Gesprächsschleife führt nun hin zu einem zentralen Gedanken: dass mit der Entwicklung der Moderne eine Verengung von Vernunft auf die Ratio stattgefunden hat und das berechnende Denken immer stärker geworden ist. Unsere Ausgangsfrage: Was ist, was kann der Gegenstand einer neuen Aufklärung sein? Was überhaupt bedeutet Aufklärung? Folge zwei des Gesprächs mit Bernhard von Mutius
 

Wie ist die Idee entstanden, es bräuchte eine neue, eine zweite Aufklärung? 

Der Gedanke einer neuen Aufklärung ist entstanden aus einer langjährigen Beschäftigung mit der Frage, ob unser Denken eigentlich noch Schritt hält mit der zunehmenden Komplexität dieser Welt. Je mehr wir wissen, desto weniger scheinen wir weiterzuwissen. Mit den historischen Brüchen, die wir erlebt haben, vor allem mit der sich ausbreitenden Finanzkrise und ökonomischen Krise 2008/2009 rückte dann noch mal schärfer ins Bewusstsein, dass offenbar eine bestimmte Form von Wissen und Denken an ihre Grenzen gestoßen ist: nämlich die verengte, einseitige, berechnende Rationalität, die sich in der ökonomischen Lehre niedergeschlagen hat und die Denkweisen derjenigen prägte, die versuchten, diese Krise zu managen. Damals entstand das Gefühl, dass diese berechnende Rationalität nicht ausreicht. Es braucht ein erweitertes Denken, eine erweiterte Vernunft. Und mit der Vernunft sind wir bei einer Kategorie, die in der Aufklärung eine zentrale Rolle gespielt hat.
 

Es gab auch eine andere Idee einer Renaissance einer Epoche. "Neue Romantik" war eines der überraschendsten Stichworte der vergangenen Jahre. Was bewegt dich zu der Auffassung, dass wir im Gegenteil eine neue Aufklärung brauchen? 

Ich würde nicht unbedingt "im Gegenteil" sagen. Jedenfalls nicht strikt. Denn beim Nachdenken über eine neue Aufklärung sind möglicherweise Themen mitzureflektieren, die in der Romantik als Gegenbewegung zu einer verkürzten und verengten Vorstellung von Aufklärung aufgekommen sind. Nicht nur in der Aufklärung, sondern auch schon früher war Vernunft noch etwas mehr als Ratio. 

Dieser Gedanke ist heute wieder aktuell: Ist diese beschränkte Rationalität, die sich in der Moderne weithin durchgesetzt hat - nicht in allen Köpfen, aber in vielen -, möglicherweise gar nicht so vernünftig? Müsste man Aufklärung nicht noch mal denken, und zwar vom Kern des Begriffes aus? Müssten wir nicht noch einmal aufklären, über unser eigenes Denken aufklären, auch über unsere eigenen Unzulänglichkeiten? Eine neue Aufklärung kann nur gedacht werden, wenn wir uns selbst als Teil des Problems verstehen. Aufklärung kann nur neu gedacht werden, wenn sie ihre eigene Geschichte kritisch sieht.
 

Was ist der Kern des Begriffes Aufklärung? 

Das Klären. Klarheit schaffen. In einem tieferen, vernünftigen, menschlichen Sinn, der uns verständiger macht, nicht nur schlauer oder gerissener. Etwas ist unklar geworden, das vordem klar schien. Obwohl überallhin die Scheinwerfer ausgerichtet sind, tappen wir in mancher Hinsicht im Dunkeln. Unklar ist nicht nur, wie es zu diesen sich häufenden Krisen gekommen ist. Unklar ist auch, warum es so schwer ist, aus diesen Krisen wirklich herauszukommen und einen Neuanfang zu machen. Die wichtigsten Wall-Street-Player sitzen heute eher noch fester im Sattel als vor dem Jahr 2008. Die globale Verschuldung ist in den Jahren nach der Krise bis heute nicht etwa gesunken, sondern deutlich gestiegen. Und wie es um die Eindämmung des Klimawandels steht, muss ich nicht betonen. 

Hier schließt sich dann die nächste Frage an: Sind wir nicht abhängig geworden? Nicht nur auf den Finanzmärkten, sondern auch in unseren Staaten, unseren Gesellschaften? Mit unserer eigenen Zustimmung? 

Ist da nicht eine neue Art Unmündigkeit, eine neue Unfreiheit entstanden? Wenn man das Anfangen-Können mit Hannah Arendt als Kern der Freiheit begreift. Damit ist man - wieder - bei der Frage, die Kant formuliert hat: Was ist der Ausweg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit? Müssen wir das nicht noch mal denken? Dieses Noch-mal-Denken, dieses erweiterte Denken impliziert, dass man mit einbezieht, was in der Romantik wiederentdeckt wurde. Zumindest bei den besseren Vertretern der Romantik, die nicht bloß ins Mittelalter zurückgeschaut haben und "im Drüben fischen" wollten, wie Goethe es einmal so schön formuliert hat. Sondern die Aufklärung erweitern wollten - aus dem Gefühl heraus: Wir müssen das Nicht-Offensichtliche, das Unterschwellige, das Dunkle, aber auch die Poesie, die Musik, die Farbe, den Klang, die Intuition in unsere Betrachtungen mit hineinnehmen. Genau das impliziert die Wendung neue Aufklärung.
 

Wenn wir zurückschauen: Wie kam es in der geistesgeschichtlichen Entwicklung zu dieser Einengung von Vernunft auf die Ratio? Was hatte der Begriff vorher, das er in dieser Verengung eingebüßt hat? Was ist verloren gegangen? Und warum? 

Der Grund ist, glaube ich: Weil diese Verengung sehr praktisch und sehr erfolgreich war. In der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft spaltete sich allmählich ein "Kontorwissen", ein "Kontordenken" ab. Philosophie, Literatur, Geistiges, all das war nicht praktisch brauchbar für das Kontor. So wie der Oheim von Heinrich Heine einmal treffend gesagt hat: "Hätte der Junge was Ordentliches gelernt, bräuchte er nicht Bücher schreiben." Übrigens hat Goethe schon wahrgenommen, was sich da abzeichnete. In seinen späten Schriften und Aufzeichnungen spricht er manchmal davon, dass alles nur noch aufs "Operose", wie er das nennt, auf das Arbeitsame, Geschäftige, auf das "überhand nehmende Maschinenwesen" verengt werde. 

Aber es brauchte dann eine lange Zeit, bis dieses berechnend Geschäftige dermaßen erfolgreich wurde, dass es begann, einen Bereich nach dem anderen zu erobern. Insofern ist die Verengung von Vernunft auf die Ratio zunächst einmal Resultat eines erfolgreichen Modells. Das geht einher mit der Entwicklung der Technik, mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt ganz allgemein. Das ist ja ein Siegeszug ohnegleichen! Der Fortschritt, so wie wir ihn über viele Generationen verstanden haben, ist sehr stark gekoppelt mit der technischen Entwicklung, beruhend auf der präzisen Berechnung von Ressourcen, Kräften, Substanzen und Prozessen, von Teilen und Teilchen. Auch dies ein Erfolgsmodell. Aber eine Abteilung. Wie Heinz von Foerster gezeigt hat, ist dies angelegt in der modernen Wissenschaftsauffassung, die er zurückführt auf das "Sci", das alte indoeuropäische "skei", das trennen oder unterscheiden bedeutet. Und das wir noch in dem englischen Wort "scissors" heraushören. "Science" ist sozusagen die Schere, sie betrifft das Trennen, das Abspalten. Wohingegen das "Syn", das wir später dann im systemischen Denken wiederfinden, zunächst für diese begrenzten, funktionalen Zwecke gar nicht so praktisch war. Und nicht so erfolgreich. 

Erst einmal ist dieses berechnend Geschäftige also ein Erfolgsmodell. Das Erfolgreiche ist attraktiv und verstärkt sich. Man fokussiert sich. Man wird einseitig. Und es scheint eine Dialektik in der Entwicklung der Aufklärung zu geben - was noch etwas anderes ist als die Dialektik der Aufklärung -, nämlich dass sie sich zunehmend auf das Berechnende verengt. Wir haben das Gefühl, dass diese Entwicklung in den letzten Jahren fortgeschritten ist: Das berechnende Denken ist stärker geworden. Und das Abgespaltene hat kaum noch Kraft gehabt, sich in den meisten Disziplinen und im Alltag zu behaupten.
 

Diese Abspaltung vollzieht sich manchmal in geradezu drastischer Klarheit. Nehmen wir die Wirtschaftswissenschaften: Adam Smiths Werk Der Wohlstand der Nationen wird zum grundlegenden Werk der Ökonomie, die einige Jahre zuvor geschriebene Theorie der ethischen Gefühle gerät praktisch in Vergessenheit, bleibt irgendwo am Wegesrand liegen. Der Wohlstand der Nationen begründet die Ökonomie, ohne die ins Reich der Moral und Philosophie abgespaltenen empathischen Gefühle, auf der Grundlage von Eigennutz. 

Ich glaube, historische Entwicklung funktioniert so, dass sich bestimmte Gedanken verbinden mit bestimmten praktischen Erfordernissen, und dann setzen sie sich durch. Aber jeder Fortschritt ist irgendwo auch eine Abspaltung, das ist fast immer so gewesen. Wenn irgendeine Bewegung sich durchgesetzt hat, hat sie sich konzentriert, das heißt, sich von etwas anderem getrennt. Insoweit ist das historisch ganz verständlich. 

Zu Adam Smith: Da ist nicht nur die Theorie der ethischen Gefühle, auch Der Wohlstand der Nationen ist einseitig gelesen worden. Selbst die berühmte Stelle, die immer wieder zitiert wird, dass wir nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers unsere Mahlzeit erwarten, sondern dass es ihr Eigeninteresse ist, das die Ökonomie vorantreibt. Wenn man das genau liest, entdeckt man, dass er sagt: Es hängt nicht "allein vom Wohlwollen" ab, von der sympathy, sondern es hängt eben auch vom Eigennutz ab. Das heißt, er selbst hatte zwei Kategorien: self interest, den Eigennutz, aber auch die sympathy.
 

Ähnliche Auf- oder Abspaltungen lassen sich in ganz unterschiedlichen Bereichen beobachten, insbesondere in der Entwicklung der Wissenschaften. Ist diese Abspaltung oder Ausdifferenzierung ein Kennzeichen der Moderne? 

Zur Entwicklung der Moderne gehört wesentlich die Ausdifferenzierung von Systemen und Subsystemen. Das ist konstitutiv für die Moderne. Darin aber ist ein spaltendes Moment schon angelegt. Salopp gesprochen: Man zieht eine Grenze und sagt, das ist meine Disziplin. Und dann entsteht Spezialwissen in den verschiedenen Disziplinen. Nebeneinander. Dabei gibt es aber zumindest ein Muster, das quer liegt zu den spezialisierten Systemen und das besonders erfolgreich war und deshalb dominant wurde: die berechnende Rationalität. Und hier entsteht die Frage - und das wäre die nächste Wendung des Themas neue Aufklärung -, wie sich in diesen scheinbar rein funktionalen und rationalen Bewegungen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung ein Dominanz- und Herrschaftsverhältnis eines Systems entwickeln konnte, das heute von vielen als Bedrohung empfunden wird: Die Ökonomisierung nahezu aller Verhältnisse, die ja - insbesondere in der Gestalt der Finanzmärkte - wie eine imperiale Macht fast alle Bereiche der Gesellschaft überrollt. Joseph Vogl sagt: Das Ökonomische ist zum Souverän geworden. 

Es sind also nicht nur horizontale Abspaltungen, sondern auch vertikale Machtverhältnisse und Machtballungen entstanden. Ein System hat sich hegemonial entwickelt. Es geht bei einer neuen Aufklärung daher nicht nur um Ratio und Vernunft, sondern auch um die Frage der Abhängigkeit und um die Möglichkeit der Befreiung. Und das ist ein Gedanke, der mir in der letzten Zeit immer mehr bewusst geworden ist: Es geht auch um Befreiung! Das ist der zweite große Strang: Das eine Thema ist Vernunft, das andere Befreiung.
 

Heben wir uns das Stichwort Befreiung vielleicht noch auf. Noch mal zurück: "Erfolgsmodell" kann man wörtlich nehmen. Denn diese verengte Rationalität mündet in ein Gesellschaftssystem, das Erfolg belohnt. Nicht Schönheit oder Gelassenheit, sondern Erfolg wird belohnt in den Maßstäben von Einkommen und Gewinn. Welche Bedeutung hat der damals sich entwickelnde Kapitalismus für diese Verengung? 

Der Kapitalismus basiert wie eh und je auf Knappheit, auf Geld und auf Geldbeziehungen, die über die klassischen Tauschbeziehungen hinaus Kapitalbildung ermöglichen - auf der einen Seite als Schulden, auf der anderen Seite als Darlehen. Das ist ja die Genialität dieses Mediums, dass es als Tauschmittel ubiquitär ist und zugleich als Mittel zur Kapitalbildung fungiert. Indem ich mir einen Kredit besorge, kann ich investieren und Kapital bilden. Ich mache Schulden, weil ich morgen mehr haben werde. Beide Seiten, Kreditnehmer und Kreditgeber, gehen ein Risiko ein, aber sie können es berechnen. Die Zukunft ist kalkulierbar. Man setzt darauf, dass die Schulden nicht Schulden bleiben, sondern sich in der Zukunft auszahlen. All das basiert auf einer strengen berechnenden Rationalität, die Vertrauen erzeugt. Das ist die Grammatik, die Logik dieses Systems. Kredit ist Vertrauen in die Zukunft, basierend auf Berechnung. Doch wenn immer mehr Schulden angehäuft werden und niemand so recht weiß, wie sie je zurückgezahlt werden sollen, bricht das Vertrauen. Dann ist dem Vertrauen die Grundlage entzogen. 

Aber zunächst ist diese berechnende Rationalität, die in alle Poren unseres Lebens eingedrungen ist, das Erfolgsmuster dieses Systems. Weil es rational ist und eben nicht irrational. Der Riesenvorteil dieses Systems der Logik und dieser Logik des Systems ist, dass sie berechenbar ist. Oder scheint.
 

Auf der anderen Seite braucht dieses System, um überhaupt existieren zu können, eine Basis an bürgerlichen Freiheitsrechten. Wenn Menschen keine Verträge schließen können, kann es keinen Kapitalismus geben. 

Ja, die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft war wesentlich gekoppelt an die Erringung von bestimmten Freiheitsrechten: Vertragsrecht, Versammlungsfreiheit, zunehmend auch Gedankenfreiheit. Auch das freie Fließen von Kapital basierte darauf, dass Schranken und Grenzen aufgehoben wurden.
 

Also entwickelt sich dieses System auch auf der Grundlage von Befreiung? Wie lässt sich der Befreiungsgedanke historisch verorten? 

Er ist schon angelegt, weil die Aufklärung sich selbst als kritische und emanzipatorische Bewegung verstand, die in Opposition zu dem alten Gespann von feudalen, absolutistischen und klerikalen Obrigkeiten dem Gedanken der Vernunft Bahn brach. Deshalb die Rede vom Ausgang aus der Unmündigkeit. Die Aufklärung verstand sich als ein Element der Befreiung des Menschen von Herrschaft - und ich spreche bewusst nicht von Freiheit, sondern von Befreiung. Meine These ist nun, dass Freiheit als rein statischer Begriff historischen Prozessen nicht genügt. Vielmehr muss man immer wieder hinschauen, wie Freiheit umschlägt in Unfreiheit, so wie ja auch Vernunft in Unvernunft umschlagen kann.
 

Wie geschieht das? Wie schlägt Freiheit in Unfreiheit um? 

Kapitalverhältnisse sind Macht- und Eigentumsverhältnisse, und Macht hat immer die Tendenz, sich auszudehnen. Das ist eine Erklärung: Macht will immer mehr Macht. Die andere ist, dass sich das Finanzsystem, gestützt auf das Wissen der Mathematiker und Physiker von Los Alamos und anderswo, de facto für absolut erklärt hat - der Filmtitel Master of the Universe bringt das auf den Punkt. All das basierte auf der fundamentalen Überzeugung von der Überlegenheit der eigenen berechnenden Logik. Hinzu kam Gier, aber die war nur das Salz in der Suppe. 

So hat die eigentümliche Entwicklung des Finanzsystems - und das steht hier beispielhaft für andere Entwicklungen der berechnenden Rationalität - in den letzten Jahrzehnten eine Machtzusammenballung hervorgebracht, die kaum noch kontrolliert werden kann. Weil es immer wieder Ausweichmöglichkeiten findet. Das zeigt, dass die statische Kategorie der Freiheit nicht genügt. Man muss immer wieder hinschauen, wie weit sich Verhältnisse in Richtung Unfreiheit entwickeln. Wir brauchen befreiende Prozesse, um herauszukommen aus Machtverhältnissen, die das menschliche Vermögen einengen. 

Und das ist nicht nur eine Frage von Statik versus Dynamik, sondern auch eine Frage von Statistik versus Systemik. Wer Fortschritt nur in statistischen Kategorien von Wachstum, Wohlstand, Armut, Reichtum et cetera misst, bekommt die systemischen Entwicklungen von Macht- und Lebensverhältnissen nicht in den Blick. "Die Freiheit kann immer verloren werden", sagt Karl R. Popper. Deshalb sollten wir achtsam sein und genau hinschauen: Es scheint, dass sich in vielen Lebensbereichen - und zwar mit unserer Zustimmung, mit freiwilligem Einverständnis vieler Menschen - nahezu uneingeschränkt agierende und regierende Systeme etablieren. Ich nenne sie etwas flapsig "Ermächtigungssysteme", weil sie mit unserer Ermächtigung gewachsen sind.
 

Welches sind diese Systeme? 

Ich sehe zwei: Das erste sind die Finanzmärkte, auf denen sich die großen dominierenden Finanzmarktakteure immer weiter nach oben katapultiert und sich herausgezogen haben aus der Balance der sich austarierenden freien Kräfte der Marktwirtschaft. 

Dann das zweite, das Regime der "Technologists", das wir in den letzten Jahren immer mehr im Alltag spüren und das uns vermutlich in den nächsten Jahren immer mehr beschäftigen wird: Das sind die dominierenden Hightech-Konzerne, vor allem die "Four Dark Horsemen", wie sie in manchen US-Firmen genannt werden: Google, Amazon, Facebook, Apple. Aber auch ihre Pendants in der VR China. Sie haben sich mehr und mehr eine monopolartige Position aufgebaut, strategisch, gezielt und - vor allem im Westen - im Einverständnis mit uns, den Kunden, den Konsumenten. Weil wir sie ständig dazu ermächtigen, unsere Daten zu nutzen. 

Klammer auf: Man könnte in mancherlei Hinsicht auch mit Blick auf unseren Fiskal- und Wohlfahrtsstaat von Ermächtigungssystemen sprechen. Doch vor dem Hintergrund des weltweiten Erstarkens diktatorischer Regime verbietet sich das. Inzwischen muss man wirklich sagen: Die Demokratie ist in Gefahr. Sie ist fähig, sich zu wehren, aber wird das reichen? Angesichts der neuen globalen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse? Klammer zu. 

Gerade das Regime der Datenmonopole treibt eine Entwicklung voran, die es erforderlich macht, über die Begriffe Macht und Abhängigkeit noch einmal ganz neu nachzudenken. Ich meine die Entwicklung intelligenter Maschinen, die wir ja auch ermächtigen. Die Frage wird sein, ob technische Instrumente, die wir ursprünglich als Hilfsmittel ansahen, aus ihrer dienenden Funktion heraustreten und im wahrsten Sinne des Wortes autonom werden. Könnte es sein, dass wir dabei in eine solche Abhängigkeit geraten, dass sich das Herr-Knecht-Verhältnis umdreht? 

Und wir sind in vieler Hinsicht völlig ratlos, wie das weitergeht und wie wir uns am besten zu verhalten haben. Übrigens ist das ein Kennzeichen dieser Zeit: Wir sind oft ziemlich ratlos, obwohl wir so viel wissen. Deshalb glaube ich, dass der Gedanke der Aufklärung und der Gedanke der Befreiung eine neue Relevanz bekommen und noch eine wichtige Rolle spielen werden.
 

Gibt es Anzeichen dafür, dass dies bereits geschieht? Und der Gedanke der Befreiung praktisch wird? 

Ich beobachte verschiedene Gegenbewegungen, die sich zunächst noch gar nicht unter dem Begriff "neue Aufklärung" subsumieren lassen, die aber zumindest eines eint: der Gedanke, dass es noch etwas anderes geben muss als diese verengte Rationalität! Es ist etwas in Bewegung gekommen. Wir sehen zum Beispiel viele Studenten in ökonomischen Fächern, die nach einer Alternative zur vorherrschenden Lehre suchen. Es gibt in der großen, mächtigen ökonomischen Disziplin selbst Gegenbewegungen, wie die Behavioural Economics, die explizit das menschliche Verhalten in die Lehre einbeziehen, was lange Zeit völlig abwegig war. Damit spielen nun psychologische Kategorien in die Ökonomie hinein. Und zunehmend auch soziale. Hierzu zählen natürlich auch die verschiedenen systemtheoretischen Ansätze - von der eher weichen Systemtheorie batesonscher Prägung bis zur harten luhmannschen Schule. Aber alle mit dem Versuch, Systeme im Zusammenspiel zu betrachten und ihre Umwelten mit ins Spiel zu bringen. Auch die neuen, kreativen Bewegungen in unseren Organisationen, die wir jetzt überall erleben, sind kleine Befreiungsbewegungen oder Befreiungsübungen. Sie begehren auf, weil dieses dominante System der einseitig berechnenden Rationalität wie eine Fessel wirkt und als zunehmender Druck empfunden wird, ohne dass eine Entlastung in Sicht ist.
 

"Kleine Befreiungsbewegungen" ist ein hübscher Begriff. Aus welchen Beobachtungen speist er sich? 

Meine Beobachtung ist, dass zum Beispiel Design Thinking oder neuere Formen von Entscheidungsfindung wie Soziokratie oder Holakratie Versuche sind, sich in Unternehmen gegenüber dem doppelten Druck, dem diese ausgesetzt sind - durch alte hierarchische Organisationsformen einerseits und durch den härter werdenden Wettbewerb andererseits -, irgendwie ein bisschen Luft zu verschaffen. Es sind Versuche, innerhalb der Organisation besser atmen zu können. 

Im Grunde geht es auch bei den strategischen Überlegungen zu Innovationen in den Unternehmen darum: "Schafft uns ein bisschen Luft; ein paar mehr Freiheitsgrade." Überall ist dieses Thema virulent. Auch eine gute Führung, die nicht mehr command and control ist - denn die Experten heute wissen sowieso viel mehr als die Leute an der Spitze -, kann ihren Auftrag nur so verstehen: Verschaffe mehr Freiheitsgrade, mach es denen, die du coachst (und glaubst, sie zu Höchstleistungen anspornen zu müssen), ein bisschen leichter! Hilf ihnen raus aus den erschöpften Zonen, in denen sich große Teile der Organisation und ihrer Leute befinden!
 

Das sind kleine Versuche - was wäre die Aufgabe einer neuen Aufklärung? 

Ich glaube, eine der großen Fragen - ob man es nun neue oder zweite Aufklärung nennt oder wie auch immer - ist dies: Gelingt es, in den nächsten Jahren und Generationen so etwas wie eine Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft zu entwickeln, die das Themenpaar Fortschritt und Nachhaltigkeit weiter fasst?
 

Was heißt Nachhaltigkeit weiter gefasst? 

Nachhaltigkeit in einem richtig verstandenen Sinn. Also nicht nur ein bisschen mehr Energieeffizienz. Sondern wirklich nachhaltig bedeutet - dort, wo der Begriff ursprünglich herkommt, aus der Forstwirtschaft -, in einen zirkulären Modus umzuschalten, indem man, was man entnimmt, auch wieder zurückgibt. So wie in einem guten Dialog: "Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich nicht die Antwort des anderen darauf gehört habe", so Norbert Wiener. Also: Es gilt, unsere Produktion, unsere Wertschöpfungsketten und Prozesse in eine zirkuläre Logik zu bringen, indem das, was produziert wird, wieder zurückkommt in den Kreislauf. Und diese zirkuläre Logik als richtig verstandene Nachhaltigkeit hat wiederum etwas zu tun mit einem richtig verstandenen Verantwortungsgefühl. 

Hier kommt eben das Moment der Befreiung und der neuen Aufklärung hinzu. Wo kreuzen sich welche Zukunftsbilder mit welchem Menschenbild? Gibt es noch so etwas wie ein Zukunftsbild des Humanen? Wie kann man die sogenannten harten Entscheidungen, die jeden Tag im Alltag notwendig werden und unseren Blick oft verengen und uns bequem werden lassen, verbinden mit einem Denken, das Kritik und Möglichkeitsräume nicht einengt? Die Verengung auf den Augenblickspragmatismus und das Technologische führt dazu, dass es keine Vertikalspannung zur Zukunft mehr gibt. Nun kann man sagen, das brauchen wir auch nicht. Aber ich finde mit Kant, es ist lebenswichtig für die Menschen. Der bestirnte Himmel über mir ist so wichtig wie das moralische Gesetz in mir.
 

Ganz kurz
Die zweite Gesprächsschleife führte hin zu einem zentralen Gedanken: dass mit der Entwicklung der Moderne eine Verengung von Vernunft auf die Ratio stattgefunden hat. Und das berechnende Denken immer stärker geworden ist. Aber es geht nicht nur um eine verengte Vernunft, sondern auch um Abhängigkeit und die Möglichkeit der Befreiung.


Zitate


"Wir müssen das Nicht-Offensichtliche, das Unterschwellige, das Dunkle, aber auch die Poesie, die Musik, die Farbe, den Klang, die Intuition in unsere Betrachtungen mit hineinnehmen." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

"Es braucht ein erweitertes Denken, eine erweiterte Vernunft." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

"Etwas ist unklar geworden, das vordem klar schien. Obwohl überallhin die Scheinwerfer ausgerichtet sind, tappen wir in mancher Hinsicht im Dunkeln." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

"Man muss immer wieder hinschauen, wie weit sich Verhältnisse in Richtung Unfreiheit entwickeln. Wir brauchen befreiende Prozesse, um herauszukommen aus Machtverhältnissen, die das menschliche Vermögen einengen." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

"Es geht bei einer neuen Aufklärung nicht nur um Ratio und Vernunft, sondern auch um die Frage der Abhängigkeit und um die Möglichkeit der Befreiung." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

"Es ist ein Kennzeichen dieser Zeit: Wir sind oft ziemlich ratlos, obwohl wir so viel wissen." Bernhard von Mutius im Gespräch über eine neue Aufklärung

 

changeX 03.02.2021. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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Bernhard von Mutius
Mutius

Bernhard von Mutius ist promovierter Sozialwissenschaftler und Philosoph, systemischer Berater und Führungscoach. Er ist Autor zahlreicher Publikationen über Erneuerungsprozesse in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Sein Hauptaugenmerk gilt der Entwicklung einer disziplinübergreifenden Denkkultur, die uns helfen könnte, mit den komplexen Prozessen unserer Zeit verständiger umzugehen.

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