Gegenseitige Hilfe
Europäer beraten Europäer.
| Folge 4: Mike Copland, ein Brite mit globalem Weitblick. |
Von Michael Gleich
Pleon ist ein neues europäisches Beratungsunternehmen. Seine Vision ist ungewöhnlich: Die Intelligenz der einzelnen Länder und Regionen für eine gemeinsame Netzökonomie nutzen. In den nächsten Monaten begleiten wir diese einmalige Mission mit Reportagen und Essays. Aus einem Europa, in dem zusammenwächst, was zusammengehört. Heute: Mike Copland ist Chairman von Pleon UK. Ein versierter Grenzgänger zwischen Britishness und Weltbürgertum, zwischen lokaler Verwurzelung und globalem Denken.
Mike Copland
Mike Copland, Chairman von Pleon UK.
Wir sitzen im "Milano", mitten in Westminster. Ein Brite, der gestern aus New Delhi zurückkam, und ein Deutscher, wir trinken amerikanischen Instantkaffee mit irischer Milch, während draußen vor dem Fenster ein Mann am Seil hängt, der aus Pakistan kommt. Mike Copland liebt solche Kontraste. Die kosmopolitische Verdichtung erscheint nur dem Besucher exotisch - ein Londoner erlebt sie täglich als Teil des Stadtbildes. Wenn Copland, Chairman von Pleon UK, eine Werbekampagne für die Metropole erfinden müsste, sein Slogan wäre: "Die ganze Welt in einer Stadt". So viele Kulturen, so viele Sprachen auf engem Raum finde man nur an wenigen Plätzen auf dem Planeten, sagt Copland und nickt dem pakistanischen Fensterputzer freundlich zu, der wie ein Bergsteiger am Seil hängt und - vom Herbststurm heftig gezaust - die Scheiben des Besprechungsraums "Milano" wischt.
Der allgegenwärtige Tanz der Kulturen dient nicht nur der persönlichen Erbauung. Er inspiriert fürs Geschäft, er sensibilisiert für die Herausforderung an jeden Manager, sich sicher auf den unterschiedlichsten Märkten zu bewegen. "Jeder Gang durch die Straßen hier in Westminster macht anschaulich, dass wir in einer globalisierten, hoch vernetzten, kulturell vielfältigen Welt leben. Gute Berater vergessen das nie." Mike Copland liegt mehr in dem dick gepolsterten Sofa, als er sitzt. Ein hagerer, asketisch wirkender Mittfünfziger, der sich das jungenhaft Schlaksige bewahrt hat. Keine Krawatte, das fällt auf angesichts der strengen britischen Kleidervorschriften. In der Agentur haben sie den Zwang zu dunklen Anzügen und Kostümchen abgeschafft, seit die ersten Kunden in Jeans und Turnschuhen bei ihnen auftraten.

London - Eingang in den europäischen Markt.


Die derzeit 33 Mitarbeiter von Pleon beraten sehr unterschiedliche Unternehmen, viele davon aus den Bereichen Techologie und Telekommunikation. "London ist dafür ein idealer Standort. US-Konzerne, die sich internationalisieren wollen, kommen zuerst hierher, richten ihre Hauptverwaltung ein und versuchen dann, den europäischen Markt zu erschließen. Und dabei helfen wir ihnen." Mike Copland sieht dabei als eine der Kompetenzen von Pleon, die komplizierte Technik, die dem Geschäft seiner Kunden zugrunde liegt, in möglichst verständlicher Sprache zu erklären. Es geht darum, in Kampagnen und Konferenzen, in Broschüren und Rundbriefen anschaulich zu machen, wie die stürmische Entwicklung von Telekommunikation und Computertechnologie alles verändert. Die Gesellschaft. Die Wirtschaft. Den Alltag der Menschen. Banal gesprochen, geht es darum, zu verhindern, dass ihre Kunden ihre Pressemitteilungen in technischem Jargon schreiben, der zwar wunderbar das Wissen der Firma oder des Autors demonstriert, aber die Bedürfnisse des Kunden außer Acht läßt.
Copland selbst ist alles andere als ein Techno-Tüftler ("einen Videorekorder programmieren - hoffnungslos!"). Diese Distanz hilft ihm ungeheuer, sich immer wieder in die Rolle des unbedarften Lesers hineinzuversetzen, der nicht beeindruckt, sondern überzeugt werden möchte. Das bringt ihn darauf, warum Unternehmen überhaupt externe Berater brauchen: "Weil Kommunikation vermutlich das letzte Abenteuer auf dem Planeten Erde ist. Schon von Mensch zu Mensch ist es nicht einfach, sich gegenseitig immer richtig zu verstehen. Für Unternehmen ist es noch erheblich schwieriger, weil die Pressesprecher oft mehr für das interessiert, was sie selbst zu sagen haben, als für das, was der Kunde verstehen soll. Ein großer Teil unserer Arbeit ist, diese Kommunikationskluft zu überbrücken."
Sicher, Kommunikation ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Das weiß Mike Copland aus Erfahrungen, die er auf beiden Seiten des Schreibtischs gewonnen hat: 13 Jahren in Technologie-Unternehmen, 18 Jahre in Agenturen. Als Allheilmittel für viele Kommunikationsprobleme empfiehlt er ein uraltes, einfaches Hausmittel: Vertrauen. "Jeder Austausch sollte so gestaltet sein, dass er dem Oberziel dient, Vertrauen zu erzeugen und zu erhalten." Das gelte genauso für die Beziehung zwischen Berater und Kunde. "Wir haben immer dann die größten Erfolge, wenn wir es schaffen, ein langfristiges Vertrauensverhältnis zu schaffen. Dazu gehört auch der Mut, offen zu sagen, wenn in einem Unternehmen, das wir betreuen, etwas schief läuft. Dafür werden wir schließlich bezahlt. Und wenn die Partner uns glauben, dass uns nur wirklich konstruktive Kritik interessiert, dann hören sie sich das auch an." Er räumt aber ein, dass starke Persönlichkeiten, die an der Spitze der Entscheidungspyramide stehen und sich eine Entourage kritischer Geister wünschen, immer noch eher die Ausnahme als die Regel sind.

Vertrauen reduziert Komplexität.


Wer wie Mike Copland ein enthusiastischer Netzwerker ist, weiß um die wohltuend vereinfachende Wirkung dieses Elixiers. "Gerade den jungen Leuten in der Agentur sage ich immer wieder: Verlasst euch nicht auf E-Mails. Telefoniert. Redet miteinander. Sucht das direkte Gespräch. Das verhindert manche Irritation." Wenn sie von ihm lernen, wenn sie sich entwickeln, wenn sie die Agentur verlassen (was Arbeitgeber ja nicht immer freut), wenn sie sofort neue, gute Jobs bekommen: Dann ist Mike Copland mit sich und der Welt zufrieden. Jedenfalls beflügelt ihn weniger die Aussicht auf wachsenden Reichtum ("Geld ist wichtig, aber banal"), jeden Tag gerne zur Arbeit zu gehen, sondern das menschliche Wachstum. Ist ein Lehrer an ihm verloren gegangen? "Vielleicht, aber ein grauenhafter", sagt er. Understatement verpflichtet.
In den vergangenen Jahren hat er seine Aufgabe darin gesehen, immer weiter gespannte Netze zu spinnen. Die Agentur, die vorher Brodeur und davor noch viermal anders hieß, hat sich zunächst mit Partnern in Großbritannien, dann in Europa, schließlich weltweit verbunden. Solche Zusammenschlüsse funktionieren seiner Erfahrung nach immer dann, wenn sie "von unten nach oben organisiert werden". Denn schließlich entfalten die Berater ihr Können vor Ort, in regionalen Märkten, die von eigener Kultur und Mentalität geprägt werden. "Erst wenn diese Basis gelegt und gesund ist, kann man an überregionale Kooperationen denken."
Weil das bei allen Pleon-Partnern der Fall ist, hält er "die Zeit reif für ein europäisches Netzwerk mit einem gemeinsamen Namen". Auch Manager lieben es einfach und bequem, und so verlangen sie zunehmend nach einem Beratungsunternehmen, das sie von der Themse bis an die Weichsel, vom Polarkreis bis zum Bosporus betreuen kann. Doch das Versprechen, überall in diesem wachsenden Europa die gleiche Qualität anbieten zu können, ist ein ehrgeiziges, es erfüllt sich nicht von alleine. "Intensiver Austausch zwischen allen Knoten", so lautet Coplands Vision für Pleon, um gemeinsame Standards zu erreichen. So sollten Mitarbeiter phasenweise zwischen Madrid, Berlin oder Milano die Schreibtische wechseln, nicht nur auf der mittleren Ebene, sondern auch innerhalb der Führungsmannschaft. So behalte jeder "Knoten" seine Autonomie, aber durch das gegenseitige Lernen entstehe jenes "Mehr", das ein gutes Netzwerk über die Summe der einzelnen Teile hinaus erwirtschafte.
Mike Copland fühlt sich sichtlich wohl bei dem Gedanken, in diesen Aufbruch nach Europa eingebunden zu sein. Er selbst verkörpert Britishness und Weltbürgertum, lokale Verwurzelung und globales Denken. Zu Public Relations kam der studierte Jurist, weil ihm als jungem Mann die Vorstellung, in eine enge Kanzlei eingesperrt zu sein und Akten zu wälzen, ein Graus war. Er liebt das Schreiben, vergräbt sich in Literatur, liest die großen europäischen Philosophen. Seit über 15 Jahren engagiert er sich bei Amnesty International "und hat dabei die Welt auch von ihren düsteren Seiten kennen gelernt". Mit Kunden aus Deutschland schwätzt und aus Frankreich parliert er in deren Muttersprache. Und gleichzeitig ist er ganz Brite und Insulaner. Wandert durch Nordengland, begeistert sich für gezähmtes und ungezähmtes Grün, baut seine Staffelei auf oder zückt alternativ das Fernglas zur Vogelbeobachtung. So sehr er auch urbane Inspiration und speziell London schätzt, "weil die Stadt vor jugendlicher Energie nur so vibriert", so gerne zieht er sich mit seiner Familie aufs Land zurück. "In der Stadt erlebe ich diese Dynamik der technologischen Umwälzung, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert. Aber dann brauche ich auch die Stille und den Rückzug, um das alles sacken zu lassen."

Die ganze Welt in einer Stadt.


Die Gegend um Westminster, in dem sein Büro liegt, ist nicht der edelste in London. In den Straßen um die Agentur herum sieht es aus, als habe man dem Hausarchitekten von Woolworth freie Hand bei seinen Beton-Exzessen gelassen. Der Weg führt vorbei an Reinigungen und Pfandleihern, an Apotheken mit arabischen Schriftzeichen in Neon, in denen Inder hinter dem Tresen stehen und chinesische Heilkräuter verkaufen. Zum Mittagessen führt Copland nicht in eines dieser geleckten Restaurants, in denen Londoner Agenturleute gerne speisen, sondern in eine rustikale Kneipe, deren Speisekarte ein schräger Ethnomix irgendwo zwischen Italien und Thailand ist.
Der Europäer Copland ist davon überzeugt, dass dieser Kontinent der Welt ein paar wertvolle Erkenntnisse anzubieten hat. "Unsere 2.000-jährige Geschichte war doch nichts anderes als das Ringen darum, sich irgendwie mit seinen Nachbarn zu einigen. Das ging nicht ohne blutige Kriege ab, aber auch mit Friedensschlüssen, mit Heiratspolitik, mit immer ausgeklügelteren Verträgen. Schließlich haben wir es geschafft, Europa zu einer Zone des Friedens zu machen. Wir arbeiten zusammen, und das ist offenbar eine ziemlich attraktive Idee." Der Prozess der Globalisierung basiert auf wirtschaftlichem und sozialem Austausch, "und als Europäer wissen wir: Dabei braucht man Freunde, Partner, Verbündete. Es geht nicht um Eroberungsfeldzüge, sondern um Win-Win-Situationen." Die USA und ihre Außenpolitik direkt anzusprechen, dazu ist Copland zu sehr Diplomat. Aber er glaubt eher an den europäischen Impuls, Vielfalt friedlich unter einem Dach zu vereinigen, als an den American Way of Life, der auf hegemoniale Gleichmacherei setzt. "Europa wird in Zukunft die Globalisierung weit stärker gestalten als bisher."
Als er ins Büro zurückkehrt, zur nächsten Besprechung im "Milano", baumelt der pakistanische Fensterputzer mittlerweile an einer anderen Stelle der Fassade. Er schaut herab auf einen Polizisten mit slawischen Gesichtszügen, der einem Kurierfahrer, der mit Bart und Turban als Sikh zu erkennen ist, einen Strafzettel ausstellt. Was der hinnimmt, ohne eine Miene zu verziehen. "Die ganze Welt in einer Stadt", hatte Copland gesagt. Man muss sich nicht immer lieben, aber man muss miteinander auskommen. Das lehrt London.

English version (PDF) >>

Mike Copland ist Chairman von Pleon UK in London.

Michael Gleich ist freier Journalist für changeX.

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Autor

Michael Gleich
Gleich

Michael Gleich, Publizist, Stroryteller und Redner, hat 2011 "der kongress tanzt. Netzwerk für gute Veranstaltungen" initiiert. Es berät Veranstalter darin, Konferenzen und Foren als lebendige Lernorte zu gestalten.

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