Kraftvoll zubeißen
Die Peperoni-Strategie - das neue Buch von Jens Weidner.
Von Sylvia Englert
Wer nur auf Harmonie bedacht ist und Konflikte scheut, der hat es nicht leicht im Leben und wird von vielen Zeitgenossen routiniert ausgenutzt oder untergebuttert. Doch der Erziehungswissenschaftler und Kriminologe Jens Weidner weiß Rat. Herausgekommen ist einer der witzigsten Ratgeber dieses Bücherherbstes. Gefährlich ist nur, dass er als Freibrief zur Aggression missverstanden werden könnte.
In harten Zeiten heißt es: Survival of the fittest. Wer sich im Kampf ums Dasein durchsetzen kann, siegt im evolutionären Wettbewerb - sichert sich Fortplatzung, Nahrung und ein schön großes Revier. Für den anpassungsfähigen Allesfresser Mensch gilt es, sich den besten Partner zu krallen, anerkannt und befördert zu werden. Oder zumindest nicht gefeuert, was ja in diesen Zeiten auch eine ganze Menge wert ist. Denn der Ton in den Unternehmen ist rauer geworden. Unschön ist, dass es bei wirtschaftlichem Druck, Zukunftsangst und Verunsicherung auch verstärkt zu Mobbing in den Unternehmen kommt. Dann werden Konkurrenten, entweder die Wehrlosen oder die jungen Erfolgreichen, von denen sich andere bedroht fühlen, gnadenlos weggebissen.
Jens Weidners Ratgeber passt blendend zur schwächelnden Konjunktur. Er verpasst denjenigen, die regelmäßig untergebuttert werden und nicht den richtigen Kampfgeist aufbringen, Nachhilfe in Aggression: Raus aus der Opferrolle, aber dalli! Mehr Biss, bitte!
Doch da sich kaum einer gerne zu seinen Aggressionen bekennt und schon der Begriff mit einer ganzen Wagenladung von negativen Assoziationen befrachtet ist (jedenfalls seit es aus der Mode geraten ist, auf Bäumen zu wohnen und sich im Kampf um ein totes Tier gegenseitig niederzuknüppeln), muss Weidner immer wieder erklären, beruhigen, abgrenzen. Es soll bloß keiner auf die Idee kommen, dass er zum modernen Rowdytum aufruft. Toughes Auftreten und sich sinnlos mit Chefs anzulegen, so erinnert er dezent, hat meist eher schmerzhafte Folgen. Das Ziel, das er seinen Lesern im Vorwort schmackhaft macht, heißt stattdessen: "Durchsetzungsstärke ja - Ellenbogenkarriere nein!" Oder anders gesagt: 80 Prozent milde Paprika-Süße, 20 Prozent Peperoni-Würze.
Doch trotz dieser beruhigenden Worte vermittelt sein Buch eine ganze Menge Strategien, auf die auch Machiavelli stolz gewesen wäre. Denn Weidners Grundbotschaft ist: "Gutmenschentum funktioniert nicht!" And an anderer Stelle gibt er zu Protokoll, dass das Ideal, durchsetzungsstark und gleichzeitig rücksichtsvoll zu sein, ein angenehmer Selbstbetrug, aber kein realistisches Ziel ist: "Wenn man sich durchsetzt, bleiben andere Zeitgenossen leider auf der Strecke."
Akzeptieren mag man das als Leser deshalb, weil sein Ratgeber so augenzwinkernd geschrieben ist und - im Gegensatz zu knallharten Werken wie Hedwig Kellners Das Wissen der Karriereprofis - vor allem als Notwehr-Instrument gedacht ist. Eine Ellenbogengesellschaft ist nicht in seinem Sinne, er stärkt vor allem denjenigen den Rücken, die in Gefahr sind, den Ellenbogen abzukriegen.

Bloß nicht unterbuttern lassen.


Also erst mal einsteigen und im Selbsttest sein Biss-Potenzial und seinen Schärfegrad ergründen. Wer hier als Weichei, Warmduscher oder Hascherl auffällt, der darf weiterlesen. Besonders auf Harmonie bedachten Zeitgenossen wird die Lektüre sogar dringend empfohlen, denn sie neigen zur Auto-Aggression, also Selbstverletzung - es ist zweifelsfrei gesünder, anderen die Meinung zu geigen. Glücklicherweise lernt man bei Weidner den bewussten Umgang mit seinen Aggressionen (was Weidner fröhlich interpretiert als "One evil action every day keeps the psychiatrist away!").
Dabei sollte man chancenlose Kraftproben unterlassen und sich nur gründlich vorbereitet in Konflikte hineinbegeben. Dazu gehört, regelmäßig eine Gegenspieleranalyse durchzuführen und seine Abwehrrhetorik durch gezieltes Üben zu perfektionieren. Denn: "Wer sich vor Ihrer Schlagfertigkeit, Ihrer Abwehrrhetorik fürchtet, wird Sie nicht angreifen. Angreifer suchen sich Schwächere." Selbst eine Anleitung für inszenierte Wutausbrüche findet man bei Weidner.
Besonders nützlich ist die Lektüre von Die Peperoni-Strategie für Führungskräfte. Denn Führung geht, so Weidner, nur mit einem gewissen Maß an Aggression. Wer Mitarbeiter unter sich hat, muss taff genug sein, schwierige und auch mal unbeliebte Entscheidungen zu treffen und sich nicht in den Machtspielchen der anderen Manager aufreiben zu lassen. Die Parole heißt: Schwein sein, aber bitte mit Stil. Dabei kann man sich gerne auf neueste Erkenntnisse der Forschung berufen: Eine Befragung der Schweizer Beratungsfirma Management Training Systems unter Mitarbeiterinnen und weiblichen Führungskräften hat ergeben, dass diese nicht unter zu autoritären, sondern unter zu schwächlichen Kollegen und Chefs leiden. Aber auch Teams können im schlimmsten Fall zu einer Keimzelle von Wettbewerb und Intrigen werden - da heißt es gewappnet sein.

Eine gute Position in der Büro-Hackordnung.


Respektlos, alltagspraktisch und in flotter Sprache vermittelt Jens Weidner netten Zeitgenossen, wie man sich gegen Angriffe missgünstiger Kollegen wappnet und lernt, Nein zu sagen. Dafür muss man seelische Verletzungen unter die Lupe nehmen, denn aus solchen Wunden lässt sich - erstaunlich, aber wahr - Stärke ziehen: "Wenn Sie sich vor Augen halten, dass diese Anklage, diese Unterstellung, diese Verletzung das Schlimmste ist, was Ihnen verbal angetan werden kann, dann werden Sie diese Erkenntnis als ungemein befreiend empfinden. Schlimmer kann es nicht mehr kommen."
Besonders reizvoll ist in Weidners Ratgeber, dass er - heute Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie - witzig-spannende Anekdoten über seine Arbeit mit Streetgangs und straffälligen Jugendlichen einfließen lässt (die er natürlich mit einem Anti-Aggressions-Training behandelt hat, nicht mit der Peperoni-Strategie). Um mit solchen harten "Kunden" klarzukommen, musste er erst einmal eigene Erfahrungen mit Aggression machen und eine Menge über die Art und Weise, wie Gruppenhierarchien funktionieren, lernen.
Aus diesem Know-how gewinnt er eine Fülle von Tipps, wie man vermeidet, auf die unterste Stufe der Büro-Hackordnung zu sinken: Negative Gerüchte sofort dementieren, sonst setzen sie sich fest! Biss mit Humor hat Würze und kommt an! Nachtragend sein! Einen Anführer oder eine graue Eminenz als Fürsprecher suchen! Laufjungenrolle vermeiden - Freundlichkeit wird leicht als Schwäche ausgelegt! In vielen Abschnitten geht Weidner speziell auf Strategien für weibliche Führungskräfte ein - denn in der Chefetage allzu lieb zu sein, funktioniert nicht. Da ist es gut zu wissen, dass beispielsweise ein edles Outfit Machos einschüchtert und vor Respektlosigkeit und Kumpelhaftigkeit schützt, dass man als Frau unbedingt vermeiden sollte Kaffee zu kochen und dass es auch nicht angeraten ist, nett zu seinen Gegenspielern zu sein. Wer es dagegen schafft, mütterlich-streng aufzutreten, der nutzt eine spezielle Anfälligkeit von Männern: Bei der Mama wird so mancher fiese Karrierist wieder zum gehorsamen kleinen Jungen.
Damit nach der Lektüre nicht reihenweise Beziehungen und Freundschaften zu Bruch gehen, weist Weidner klugerweise auf die Risiken und Nebenwirkungen seines Buches sein: "Im Privaten sind nicht strategisches Geschick und Cleverness gefragt, sondern Miteinander und Einfühlungsvermögen." Wer daheim Schärfe und Biss will, der sollte besser mal wieder was mit reichlich Chili kochen und Nudeln al dente servieren.

Sylvia Englert, Journalistin und Buchautorin, ist Redakteurin bei changeX.

Jens Weidner:
Die Peperoni-Strategie.
So setzen Sie Ihre natürliche
Aggression konstruktiv ein.

Campus Verlag, Frankfurt/New York 2005,
197 Seiten, 19.90 Euro
ISBN 3-593-37788-8
www.campus.de

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: Die Peperoni-Strategie. . So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein. . Campus Verlag, Frankfurt/New York 1900, 197 Seiten, ISBN 3-593-37788-8

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