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Digital total

"Wenn jemand sagt: ‚So funktioniert digital‘, dann würde ich aufpassen!" - ein Gespräch mit Sascha Friesike

"Digitalisierung ist …" "Digitalisierung bewirkt …" "Deshalb müssen wir …" Standardformulierungen, wie sie überall zu hören sind. Doch ist wirklich klar, was Digitalisierung ist, wie sie wirkt, was sie bewirkt und wie wir mit ihr umgehen sollten? Nein, ist es nicht. Und schon gar nicht klar ist die gesellschaftliche Wirkung und Bedeutung dessen, was wir mit diesem Wortkonstrukt zu beschreiben versuchen. In unserem Interview machen wir den Versuch, das Feld abzustecken.

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Prof. Dr. Sascha Friesike ist Forscher für Internet und Gesellschaft. Er lehrt an der VU Universität in Amsterdam. Der gelernte Wirtschaftsingenieur promovierte an der Universität St. Gallen, forschte in Stanford, half, das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin zu gründen, und war Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. In seiner Forschung beschäftigt Friesike sich vor allem mit der Frage, wie die Digitalisierung dazu beitragen kann, dass Neues entsteht.
 

Herr Friesike, was muss man wissen, um die digitale Transformation zu verstehen? 

Wenn ich das wüsste! Eher kann ich erklären, was die digitale Transformation nicht ist, als was man dabei alles verstehen muss. Aber sagen wir so: Es ist ein Missverständnis, wenn viele Leute davon ausgehen, dass Digitalisierung die Umwandlung von analog in digital bedeute. Also etwas, das in irgendeiner analogen Form, sei es auf Papier oder Vinyl, vorliegt, werde nun in Bits transferiert, und damit sei die Arbeit getan …
 

… damit ist es nicht getan? Wo liegt das Missverständnis? 

Wenn wir etwa anschauen, wie sich kreative Prozesse verändert haben - das Gebiet, mit dem ich mich beschäftige -, kreative Prozesse finden heute nicht einfach nur digital statt, sondern es ändern sich grundsätzlich Abläufe: Leute gehen sehr viel früher mit Ergebnissen an eine Öffentlichkeit, arbeiten sehr viel iterativer. Weil digital viel geringere Produktionskosten anfallen, kann man einfacher verbessern, updaten, eine zweite Version rausbringen. Dadurch wird nicht einfach nur etwas, das früher analog war, jetzt digital abgebildet, sondern der Prozess hat sich verändert. Diese Nuancen sind in jeder einzelnen Branche zu finden. Deswegen ist es ziemlich gefährlich, anzunehmen, es gebe eine Art Musterlösung für die Digitalisierung. Wenn jemand sagt: "So funktioniert digital", dann würde ich aufpassen!
 

Heißt das, wir haben es mit einer Verengung oder Verkürzung im Verständnis von Digitalisierung zu tun? 

Das Wort Digitalisierung hat momentan Konjunktur, und zu Themen, die Konjunktur haben, werden gerne Musterlösungen verkauft. Mit dem Smartphone hat die Digitalisierung fast alle Bereiche unseres Lebens erreicht, und jetzt werden Smartphones auch noch wasserdicht, damit wir sie beim Duschen nicht weglegen müssen. Aber im Ernst: Bei einem so grundlegenden Thema gibt es keine generellen Antworten, die für jeden passen.
 

Sie haben gesagt, dass Sie manches auch nicht verstehen. Was zum Beispiel? 

Nach wie vor nicht klar ist mir beispielsweise das Geschäftsmodell von Uber. Die Wette dahinter ist wohl, einen möglichst großen Kundenstamm aufzubauen, um der dominante Spieler in einem neuen Markt zu werden und so zu verhindern, dass weitere Spieler aufkommen. Man drückt also momentan günstigere Preise durch, um später dann die Preise zu erhöhen, wenn der Markt geräumt ist. Dahinter steht eine Idee, die aus sozialen Netzwerken kommt und sich auf die Netzwerkeffekte dort bezieht: Ist ein Netzwerk groß genug, dann bewirken diese Netzwerkeffekte, dass es für ein zweites Netzwerk keinen Sinn macht, sich zu gründen. Das Gleiche sagen jetzt alle bei Uber. Was ich nicht verstehe: Warum nicht lokal ganz schnell neue Konkurrenten entstehen, wenn Uber die Preise erhöht. Denn Verkehr spielt sich meistens lokal ab. Man muss also gar nicht gegen die ganze Welt antreten, sondern braucht nur seinen kleinen, lokalen Markt interessanter gestalten. Unklar ist mir, warum man davon ausgeht, dass diese Logik sich von einem komplett anderen Markt, nur weil es hier digital funktioniert hat, auf den Transport übertragen lässt. Ich verstehe das Argument, aber ich verstehe nicht, wieso das funktionieren soll. Das ist ein Beispiel.
 

Was ich nicht verstehe, ist der Zusammenhang zwischen Digitalisierung und der Veränderung von Mustern, wie Sie sie vorhin erwähnt haben, zum Beispiel dieses iterative Vorgehen oder auch die Verschiebung von der Linearität hin zur Parallelität von Vorgängen. Dieses Muster scheint historisch ja schon auf, lange bevor sich Computer in der Breite durchgesetzt haben. Dieser Zusammenhang zwischen solchen eher kulturellen Mustern und der Digitalisierung ist für mich vollkommen unklar. Und ist im Grunde auch noch nicht wirklich verstanden. 

Beziehungsweise ist es unglaublich schwierig, zu sagen, was genau was ausgelöst hat. Die Forschungslage ist auch alles andere als gut. Mit Digitalisierungsthemen haben sich zunächst ausschließlich Informatiker herumgeschlagen, später dann auch Wirtschaftsinformatiker und Ökonomen, die sich für die Anwendung im betriebswirtschaftlichen Kontext interessiert haben. Aber was die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Digitalisierung betrifft, klaffen in der Forschung noch gewaltige Lücken. Da gibt es überall große Baustellen. Da ist verständlich, dass längst nicht alles begriffen ist.
 

Zum Beispiel? 

Allein schon, wenn wir zum Smartphone zurückkommen und dessen Effekt auf unser Leben: wie es verändert hat, wie wir mit Leuten zusammenarbeiten, wie wir mit Informationen umgehen, wie wir etwas nachschlagen. Diese Veränderungen vollziehen sich viel, viel schneller, als die Forschung deren Auswirkung verstehen kann. Aber das müsste man klären, bevor am sagt, welches der richtige Umgang mit Digitalisierung ist.
 

Wo würden Sie denn Digitalisierung ansetzen? Es gibt unterschiedliche Ebenen, auf denen man versuchen kann, zu begreifen, was da passiert. Das Smartphone betrifft den persönlichen Umgang mit digitaler Technologie. Unternehmen, die sich der Digitalisierung stellen müssen, sind eine weitere Ebene. Ebenso die Industrie, die Wirtschaft, die Gesellschaft insgesamt, und vielleicht stellt sich die Digitalisierung sogar als fundamentaler Wandel in der Mediennutzung dar: als neue Epoche nach Sprache, Schrift und Druck. Auf welcher Ebene müssen wir denn sinnvollerweise ansetzen, um zu verstehen, was passiert? 

Ich glaube, es ist eher umgekehrt. Jeder schaut aus der Perspektive drauf, aus der er selber kommt. In meiner wissenschaftlichen Arbeit schaue ich, wie Menschen handeln, wie sie reagieren, wie sie Entscheidungen treffen, warum sie etwas tun. Das ist der Blickwinkel, über den ich mich der Digitalisierung nähere. Industrie 4.0 zum Beispiel, wo es darum geht, wie Maschinen automatisch miteinander kommunizieren, Lagerbestände prüfen, Bestellungen aufgeben und komplett integriert sind von Produktion bis Logistik, ist einfach nicht mein Themengebiet. Ich nehme wahr, dass die Thematik von Bedeutung ist, aber es ist nicht das, was mich an der Digitalisierung fasziniert.
 

Was fasziniert Sie? 

Wie Digitalisierung neue Werkzeuge erschafft, die es dem Menschen erlauben, etwas zu tun, was vorher unheimlich aufwendig war. Das heißt aber nicht, dass die anderen Blickwinkel falsch sind. Man sollte eine Liste machen und untereinanderschreiben, welches die großen Denkschulen zum Thema Digitalisierung sind. Da würde man sehen, dass man eigentlich nicht über ein Thema redet. Wahrscheinlich sind es fünf, sechs Perspektiven, die mit unterschiedlichem Blick darauf gucken, was hier passiert. Was ich faszinierend finde, das ist, wie der Mensch sein eigenes Tun verändert, weil ihm jetzt ein anderes, neues Werkzeug zur Verfügung steht. Als die Fotografie aufkam, sagten viele das Ende der Kunst voraus, denn man brauchte angeblich keine Maler mehr, jetzt, wo man fotografieren konnte. Wenn wir zurückblicken, dann hat die Fotografie die Kunst nicht abgeschafft, sondern ihr vielmehr einen Schub gegeben. Ganz neue Felder haben sich entwickelt. Neulich habe ich jemand sagen hören, dass die künstliche Intelligenz die Kreativität ersetzen wird. Das ist der gleiche Unsinn wie mit der Fotografie. Ganz im Gegenteil, es wird sehr spannend werden, zu beobachten, wie Kreative sich der künstlichen Intelligenz bedienen, um neue Wege zu gehen.
 

Was mich fasziniert: Wenn man Digitalisierung oder den Einsatz von Computern ganz allgemein begreift als eine Veränderung der Art und Weise, Informationen zu speichern und mit ihnen umzugehen, als Epoche der Mediennutzung also, dann erklärt das, dass Digitalisierung im Grunde alles verändert. Diese gesellschaftstheoretische These erklärt auch diese unterschiedlichen Blickwinkel auf die Digitalisierung.  

Ja, schon. Wenn man aber auf dem generalistischen Level bleibt, dann ist man aber relativ weit weg von den einzelnen Fällen.
 

Ja, stimmt. 

Wenn ich nur darüber rede, dass der Zugang und die Speicherung von Informationen sich grundlegend ändern, dann kann ich damit alles erschlagen, was sich als Bit darstellt. Das ist aber sehr unkonkret. Wenn ich das fünf Leuten erzähle, stellen die sich fünf verschiedene Dinge darunter vor, die noch nicht einmal etwas damit zu tun haben, womit sie sich selber auseinandersetzen. Ich würde auch aufpassen, nicht zu viel Kausalität in die Digitalisierung hineinzuinterpretieren. "Die Digitalisierung verändert dieses und jenes", das klingt so, als sei das Ergebnis schon in der Technologie angelegt. Das stimmt natürlich nicht. Das Bild von einem Werkzeug passt viel besser, denn am Ende geht es darum, wie Menschen Technologie einsetzen - und Menschen sind da unberechenbarer, als man meinen würde.
 

Wählen wir doch mal die Perspektive, die Sie fasziniert: Wie würden Sie das Wesen von Digitalisierung unter diesem Blickwinkel beschreiben? 

Mit der Digitalisierung sind eine große Menge an Einzelwerkzeugen entstanden, die es Leuten ermöglichen, Dinge zu schaffen, die vorher unheimlich aufwendig waren. Zum Beispiel waren früher nur ein paar Radiosender überhaupt in der Lage, Radio zu machen. Heute kann jeder mit einfachen Mitteln ein Podcast gestalten. Die Digitalisierung hat diesen Leuten eine Möglichkeit gegeben, auf die es vorher fast ein Monopol gab. Das Gleiche ist in den 1990er-Jahren passiert, als sich das Internet für die Allgemeinheit geöffnet hat. Vorher haben Forscher darüber ein paar Daten ausgetauscht, aber der gemeine Durchschnittsbürger konnte nicht daran teilnehmen. Mit dem Web wurde diese Möglichkeit zum ersten Mal allgemein verfügbar. Mit Blogs sind dann Formen einer persönlichen Zeitung oder Zeitschrift entstanden. Gleiches sehen wir in einer ganzen Reihe anderer Bereiche auch: Auf YouTube haben Leute ihre eigenen Fernsehsendungen, auf Instagram haben sie ihre eigene Fotogalerie, auf iTunes ihre eigene Radiosendung, auf Thingiverse haben sie ihren eigenen Katalog mit 3-D-Designmodellen - und so entsteht ein Werkzeug nach dem anderen, das Menschen die Möglichkeit gibt, nach außen zu treten mit dem, was sie tun. Oder ihnen überhaupt die Möglichkeit gibt, zu tun, was sie gerne machen würden.  

Ich glaube, in dieser Entwicklung sind wir noch relativ am Anfang. Die großen populären Kanäle auf YouTube, die x Millionen Follower haben, stammen in der Regel aus diesem Jahrzehnt. Sie sind kaum älter als fünf Jahre. Wenn man sieht, wie hemdsärmelig die ersten Videos am Anfang waren und wie weit die Macher heute sind, wie weit sie andererseits noch entfernt sind von einer professionellen Spielfilmproduktion, dann wird deutlich: Es ist noch unglaublich viel Luft nach oben, zugleich aber verläuft die Entwicklung wahnsinnig schnell. Weil der Zugang zu den Technologien viel einfacher geworden ist. Wozu man früher ein riesengroßes Studio gebraucht hätte, das wird heute allgemein verfügbar. Die Einstiegshürde sinkt rapide. Und damit können viel mehr Leute viel mehr verschiedene Dinge tun und andere daran teilhaben.
 

Kann man das als kreative Revolution verstehen, um ein Schlagwort aufzugreifen? 

Es ist immer schwer, etwas Revolution zu nennen, wenn man mittendrin ist. Revolution ist ein historischer Begriff, der markiert: "Hier ist was passiert." Es kann sein, dass das so wird. Ich spreche lieber von "vernetzter Kreativität", weil die Leute nicht nur dadurch kreativ sind, dass sie diese neuen Mittel haben, sondern weil sie voneinander lernen, sich gegenseitig promoten, sich gegenseitig kommentieren und sehr schnelle Feedback-Schleifen haben. Dadurch beschleunigen sich die Dinge unglaublich. Früher sind Jahre vergangen, bis jemand eine Dokumentation auf Film gedreht, diese auf verschiedenen Festivals gezeigt hat und so eine Ahnung davon hatte, was den Leuten daran gefällt oder nicht gefällt. Heute produziere ich was, schneide es, stelle es online und schaue, was läuft und wovon die Leute mehr wollen. Ich glaube, das ändert komplett unseren Umgang mit Medien. Aber ja, vielleicht werden wir irgendwann sagen, dass das eine Revolution war.
 

Ja, der Begriff liegt nahe. Sie haben das Beispiel Video gebracht. Man könnte das Tonstudio als zweites Beispiel danebenlegen, wo im Grunde auch eine Technologie verfügbar wird, die früher immens viel gekostet hat, und heute kann man auf der Couch mit dem iPad produzieren (sagen jedenfalls manche, die das machen) … 

… und das geht noch viel weiter. Klickt man sich durch Kickstarter, dann sieht man die Leute heutzutage Firmen gründen: Die haben eine Idee, bauen einen Prototyp, drehen dazu selber ein Video, finden jemanden in China, der ihnen das produziert, und starten ein Unternehmen. Jeder einzelne Schritt, der da passiert, wurde digital möglich gemacht.  

Allgemeiner gesagt: Beim Thema Kreativität denken wir an die klassischen Werke, an Musik, Journalismus, Fotografie - aber das reicht heute weiter. Heute geht es auch um Leute, die ein Unternehmen gründen, die gerne kochen oder mit 3-D-Druckern arbeiten. Der schöpferische Akt steckt in unglaublich vielen Tätigkeiten drin, auch wenn wir diese Tätigkeiten üblicherweise nicht als kreativ beschreiben würden.
 

Ja, und dadurch wird unglaublich vieles möglich - vor allem eben auch diese neue Form der Zusammenarbeit, die sehr schnell und in kleinteiligen Feedback-Schleifen passiert. Wo man sich sehr schnell situativ miteinander abstimmen kann. 

Genau. Gleichzeitig sehe ich hier auch eine gewisse Gefahr: Nämlich dass durch diese schnellen, kurzen Wege eine Demotivation im Hinblick auf größere, langfristige Projekte entsteht. Einen Roman zu schreiben, dauert halt zwei Jahre, und in diesen zwei Jahren gibt es nicht so wahnsinnig viel, das man schon mal rausgeben könnte, um Feedback einzuholen. Gut funktioniert diese schnelle, interaktive Arbeitsweise bei niedrigschwelligen Produkten: Auf Instagram sind es einzelne Fotos, bei Texten eher Blogs als Romane, und bei YouTube entstehen auch keine abendfüllenden Spielfilme. Aber ich bin mir nicht sicher, dass dieser Modus auch bei größeren, umfangreicheren Werken funktioniert. Meine Angst ist, dass das zweitklassige Produkte werden, weil immer weniger Leute gewillt sind, etwas zu produzieren, wo man nicht dieses "Instant-Feedback" bekommt, das ja auch eine Form von Adrenalinrausch bewirkt. Gleich Feedback zu bekommen, wie toll etwas ist, schmeichelt dem eigenen Ego natürlich mehr, als zwei Jahre an einem Roman zu sitzen. Die Frage ist: Hat das einen negativen Effekt auf größere Kulturgüter? Ich glaube, diese Frage lässt sich momentan noch nicht beantworten, aber man muss sie stellen - statt zu sagen: "Das ist alles super, was hier passiert."
 

Zugleich sinkt die Aufmerksamkeitsspanne und mit ihr die Qualität der Kommentare. Oftmals wird schnell etwas gesagt, bloß weil schnell etwas gesagt sein muss … 

Ja, und gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, dass es den Leuten durch die wachsende Menge an gut gemachten Kleinsnippets, die ihnen dargereicht werden, immer schwieriger wird, den Sachen auf den Grund zu gehen und sich intensiv mit etwas auseinanderzusetzen. Ich habe das Gefühl, dass diese Snippetisierung es größeren Inhalten, die sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzen, immer schwerer macht, sich zu behaupten. Aber es gibt auch die andere Seite: Gleichzeitig investiert Netflix mehrere Milliarden in neuen Content, der auf einem qualitativen Niveau produziert wird wie nie zuvor. Es ist nicht so, dass nur noch Schrott produziert würde.
 

Wieder in der universalen Perspektive ist es eine neue Kulturtechnik, die da eingeübt wird. Dass dann nicht binnen fünf oder zehn Jahren ein souveräner Umgang mit dieser neuen Kulturform entsteht, ist zu erwarten. 

Klar. Im Gegenteil: Wenn man sieht, wie schnell und professionalisiert Inhalte entstehen, dann lässt das hoffen, dass sich in noch mal zehn Jahren Dinge entwickelt haben werden, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen, dass das möglich ist. Beide Argumente kann man vertreten. Die Zeit wird zeigen, was passiert.
 

Um die Perspektive noch mal auszuweiten: Sie hatten davon gesprochen, mal die Denkschulen in Sachen Digitalisierung aufzulisten - das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Vielleicht beginnen wir mal damit, die Breite zu vermessen. Welche Felder müssen wir uns anschauen, um Digitalisierung zu verstehen? Wissenschaft … 

… Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, und da insbesondere die Veränderung von Geschäftsmodellen …
 

… fangen wir bei der Wissenschaft an? 

Wissenschaft wird durch Digitalisierung immer kollaborativer; die Zahl der Co-Autoren wissenschaftlicher Artikel nimmt unglaublich zu. Weil das Digitale eine Form der Zusammenarbeit möglich macht, wie es sie vorher nicht gab. Als ich mit meiner Doktorarbeit angefangen habe, habe ich ein Buchprojekt meines Chefs betreut. Da hat ein älterer Professor einen Beitrag geschrieben und wollte mir den Text faxen. E-Mail war ihm nichts. Heute haben wir ein Online-Dokument, das fünf, sechs oder auch mehr Autoren gleichzeitig bearbeiten. Auf einmal ist eine solche Zusammenarbeit möglich. Sie ist aber auch nötig, weil es für einen einzelnen Wissenschaftler schwerer wird, noch was beitragen zu können.  

Gleichzeitig haben wir eine Bewegung, die darauf zielt, dass Wissenschaft partizipativer wird und sich der Gesellschaft öffnet. Zum Beispiel machen auch Hobbywissenschaftler interessante Forschungsprojekte, die Wissenschaftler dann nutzen können, weil auch dort die Daten digital gesammelt werden und abrufbar sind.  

Eine dritte Strömung fordert mehr Transparenz in der Wissenschaft. Diese Transparenz braucht es ebenfalls. Einmal, um der Replikationskrise in der Wissenschaft zu begegnen, also dem Problem, dass bei vielen Studien nicht nachvollziehbar ist, wie die Forscher zu diesem Ergebnis gekommen sind, weil sie ihre Primärdaten nicht teilen. Eigentlich wurde das Internet aber genau dafür erfunden, dass Wissenschaftler ihre Informationen zur Verfügung stellen können. Und dann ist da die ganze Debatte um wissenschaftliche Artikel, die nach wie vor bezahlt werden sollen wie früher Drucksachen. Der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen ist ein großes gesellschaftliches Problem. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das lösen lässt, denn die wissenschaftlichen Verlage werden es nicht aufrechterhalten können, dass von Steuergeldern bezahlte Inhalte unter Verschluss gehalten werden.
 

Und Bildung? 

Im Thema Bildung beobachten wir eine Bewegung in Richtung lebenslanges Lernen und gleichzeitig eine Veränderung der Art und Weise, wie gelernt werden muss. Weitaus wichtiger als bestimmte Fähigkeiten ist heute die Fähigkeit, sich neue Fähigkeiten beizubringen. Weil Berufsbilder und Aufgaben sich ständig verändern, müssen die Menschen in der Lage sein, ihr Können auf neue Themen anzuwenden. Das ist eine Riesen-Herausforderung für die Universitäten, die sich heute eher mit dem Anwachsen der Inhalte herumschlagen. Denn jedes Fach wird immer umfangreicher, immer mehr Inhalte kommen ins Curriculum, und die Studenten klagen über "Bulimie-Lernen", wenn sie nur noch für Klausuren lernen, sich aber nicht mehr mit den Dingen hinter dem Stoff auseinandersetzen können. 

Konkret: Lernen muss angewandter werden, um Fähigkeiten fest zu verankern und sie je nach Themengebiet auf verschiedene Art anwenden zu können. Wir müssen den Leuten beibringen, Autodidakten zu sein, weil die Informationen, die sie brauchen, zwar nur ein paar Klicks entfernt sind, man sie aber verstehen, einordnen und anwenden können muss. Damit hat sich die Bildung noch nicht ausreichend auseinandergesetzt. Digitalisierung in der Bildung heißt vielerorts leider erst mal nur Powerpoint-Folien statt Kreidetafel. Aber damit schöpft man das Potenzial wohl kaum aus.
 

Schließlich das Thema Wirtschaft. Was beobachten Sie bei der Veränderung von Geschäftsmodellen? 

Man kann Geschäftsmodelle sehr gut anhand von zwei Achsen erklären: Was ist das Produkt und was ist der Vertriebskanal? Früher hatte man ein physikalisches Produkt und einen physikalischen Vertriebskanal. Beispiel: der Bäcker an der Ecke. Irgendwann entstand die Idee, virtuelle Produkte über physikalische Vertriebskanäle zu verkaufen, Versicherungen, Anleihen, Bankgeschäfte zum Beispiel. Mit dem Internet kamen dann zwei Veränderungen relativ fix hintereinander. Die erste war, ein physikalisches Gut über einen virtuellen Vertriebskanal zu vertreiben - Amazon, Zalando, der ganze E-Commerce. Große Teile der Dotcom-Blase waren Onlineshops wie pets.com. Dann fing man an, virtuelle Güter über einen virtuellen Vertriebskanal zu vertreiben. Da geht es nur noch um Bits - Amazon, Twitter, Facebook, Airbnb und so weiter. Das Loslösen von physischen Geschäften und Produkten hat es möglich gemacht, dass Firmen von internationaler Bedeutung in kurzer Zeit entstanden sind.
 

Wie erklärt sich das? 

Es entstehen zweiseitige Märkte. Die gab es eingeschränkt auch schon vorher: In einer Shopping-Mall zum Beispiel zahlt jedes Geschäft Miete an den Betreiber und hat seinerseits Endkunden - und zwar umso mehr, je mehr andere interessante Geschäfte in der Mall sind. Dieses Prinzip nennt sich zweiseitiger Markt. In dem Moment, wo ein Geschäft digital wird, kommen zweiseitige Märkte überall dort auf, wo man das Gut virtualisieren kann. Sei es Uber, sei es Airbnb, seien es Freunde bei Facebook oder Fotografie auf Instagram. Da gibt es diese schreckliche Folie, die auf allen Events zur Digitalisierung auftaucht, nach der das größte Hotel der Welt keine Zimmer und das größte Taxiunternehmen der Welt keine Taxis hat und so weiter. Alles, was die Folie eigentlich sagen will, ist, dass zweiseitige Märkte im Zuge der Digitalisierung sehr mächtig geworden sind. Wir haben also immer einen virtuellen Vertriebskanal und ein virtuelles Gut.
 

Ich glaube, diese Aufzählung hat deutlich gemacht, in welcher Breite man die Digitalisierung denken muss. Digitalisierung betrifft im Grunde alles, was wir tun und unternehmen, und verändert all das auf sehr grundlegende Weise. Sie verändert die Funktionsprinzipien, nicht nur die Form. 

Genau. Das ist der Punkt: Es sind grundsätzliche Veränderungen. Es geht nicht nur um "ein bisschen besseres Hotel". Sondern die Frage wird komplett anders gestellt: Wie können wir Leute unterbringen? Wie das vermitteln? Wie damit Geld verdienen? Damit wird es sehr schwierig für etablierte Unternehmen, die es zwar verstanden haben, unter Konkurrenzbedingungen zu agieren, und die führend waren, solange die alten Regeln galten, aber in Schwierigkeiten geraten, wenn auf einmal Unternehmen auf den Plan treten, die komplett anders arbeiten. Für sie stellt sich die Frage: Wie soll ich da mithalten? Das ist das große Thema bei digitalen Geschäftsmodellen. Und damit ist natürlich auch die Regulierung überfragt. Einige Städte gehen jetzt gegen Airbnb vor, prominentes Beispiel ist Berlin. Man muss aber verstehen, dass die Datenlage nach wie vor beschränkt ist. Ist Airbnb nun wirklich eine Gefahr für den Tourismus, wie Hotelketten es darstellen würden, oder ist es einfach eine Weiterentwicklung des Couch-Surfings, wie die Firma es selber präsentieren würde? Ich traue mir da kein abschließendes Urteil zu.
 

Und zugleich ist das Ganze eingebettet in einen kulturellen Wandel. Die Art und Weise ändert sich, wie Menschen miteinander interagieren. 

Ist das jetzt getrieben von der Digitalisierung, oder gibt es nicht immer Veränderungen darin, wie Menschen miteinander umgehen? Ist es nicht bei einem Generationswechsel immer so, dass sich der Umgang miteinander verändert?
 

Ja, richtig. Aber der Zusammenhang mit der Digitalisierung ist, glaube ich, unverstanden. Also: Was ist digital induziert und was ist allgemeiner kultureller Wandel? Oder lässt sich das überhaupt nicht trennen? 

Man wird es nicht trennen können, denn man kann sicher kein Experiment entwerfen, aus dem man einfach mal die Digitalisierung rausnimmt. Eine Gesellschaft ist immer ein Gesamtkonstrukt, wo man nicht einfach bestimmte Variablen streichen kann. Es ließe sich also nur mutmaßen, was passieren würde, wenn wir keine Digitalisierung hätten. Aber selbst wenn wir das wüssten, hätten wir wahrscheinlich recht wenig davon, denn es wird uns nicht gelingen, die Digitalisierung zurückzudrehen. Statt uns der Trauer hinzugeben, dass wir nie wieder ohne Digitalisierung leben werden, sollten wir uns damit auseinandersetzen, wie wir die Digitalisierung am besten ausgestalten. Wie vorhin gesagt, ist Technologie kein Selbstläufer, sondern entwickelt sich durch die Menschen, die sie einsetzen. Wir sind also alle in der Verantwortung, die Digitalisierung so zu prägen, dass ein besseres Miteinander möglich wird.
 

Das Interview haben wir telefonisch geführt.
 


Zitate


Herr Friesike, was muss man wissen, um die digitale Transformation zu verstehen? "Wenn ich das wüsste! Eher kann ich erklären, was die digitale Transformation nicht ist, als was man dabei alles verstehen muss." Sascha Friesike: Digital total

"Kreative Prozesse finden heute nicht einfach nur digital statt, sondern es ändern sich grundsätzlich Abläufe: Leute gehen sehr viel früher mit Ergebnissen an eine Öffentlichkeit, arbeiten sehr viel iterativer. Weil digital viel geringere Produktionskosten anfallen, kann man einfacher verbessern, updaten, eine zweite Version rausbringen. Dadurch wird nicht einfach nur etwas, das früher analog war, jetzt digital abgebildet, sondern der Prozess hat sich verändert." Sascha Friesike: Digital total

"Wenn jemand sagt: ‚So funktioniert digital‘, dann würde ich aufpassen!" Sascha Friesike: Digital total

Digitalisierung: "Bei einem so grundlegenden Thema gibt es keine generellen Antworten, die für jeden passen." Sascha Friesike: Digital total

"Mich fasziniert, wie Digitalisierung neue Werkzeuge erschafft, die es dem Menschen erlauben, etwas zu tun, was vorher unheimlich aufwendig war. Wie also der Mensch sein eigenes Tun verändert, weil ihm jetzt ein anderes, neues Werkzeug zur Verfügung steht." Sascha Friesike: Digital total

"Ich würde aufpassen, nicht zu viel Kausalität in die Digitalisierung hineinzuinterpretieren. ‚Die Digitalisierung verändert dieses und jenes‘, das klingt so, als sei das Ergebnis schon in der Technologie angelegt. Das stimmt natürlich nicht. Das Bild von einem Werkzeug passt viel besser, denn am Ende geht es darum, wie Menschen Technologie einsetzen - und Menschen sind da unberechenbarer, als man meinen würde." Sascha Friesike: Digital total

"Auf YouTube haben Leute ihre eigenen Fernsehsendungen, auf Instagram haben sie ihre eigene Fotogalerie, auf iTunes ihre eigene Radiosendung, auf Thingiverse haben sie ihren eigenen Katalog mit 3-D-Designmodellen - und so entsteht ein Werkzeug nach dem anderen, das Menschen die Möglichkeit gibt, nach außen zu treten mit dem, was sie tun. Oder ihnen überhaupt die Möglichkeit gibt, zu tun, was sie gerne machen würden." Sascha Friesike: Digital total

"Leute haben eine Idee, bauen einen Prototyp, drehen dazu selber ein Video, finden jemanden in China, der ihnen das produziert, und starten ein Unternehmen. Jeder einzelne Schritt, der da passiert, wurde digital möglich gemacht." Sascha Friesike: Digital total

"Der schöpferische Akt steckt in unglaublich vielen Tätigkeiten drin, auch wenn wir diese Tätigkeiten üblicherweise nicht als kreativ beschreiben würden." Sascha Friesike: Digital total

"Weitaus wichtiger als bestimmte Fähigkeiten ist heute die Fähigkeit, sich neue Fähigkeiten beizubringen." Sascha Friesike: Digital total

"Digitalisierung betrifft im Grunde alles, was wir tun und unternehmen, und verändert all das auf sehr grundlegende Weise. Sie verändert die Funktionsprinzipien, nicht nur die Form." changeX: Digital total

"Statt uns der Trauer hinzugeben, dass wir nie wieder ohne Digitalisierung leben werden, sollten wir uns damit auseinandersetzen, wie wir die Digitalisierung am besten ausgestalten. Technologie ist kein Selbstläufer, sondern entwickelt sich durch die Menschen, die sie einsetzen. Wir sind also alle in der Verantwortung, die Digitalisierung so zu prägen, dass ein besseres Miteinander möglich wird." Sascha Friesike: Digital total

 

changeX 22.09.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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