Wir erfinden!
Eine changeX-Serie in 12 Folgen. Jeden Donnerstag neu.
| Folge 11: Der Super Buddy |
Von Detlef Gürtler
Nach "Wir kündigen!" und "Wir fragen!" kommt jetzt "Wir erfinden!". Zwölf Innovationen aus den nächsten zehn Jahren, die unser Leben und Arbeiten leichter, reicher, spannender, erfolgreicher und sinnvoller machen. Achtung: Alles, was Sie jetzt lesen, ist erstunken und erlogen! Oder nicht? Heute: Der Super Buddy, die erfolgreichste TV-Serie der nächsten fünf Jahre, welche die hohen Ehescheidungsraten in Deutschland zum Schmelzen bringen wird. Mehr als eine Stammtisch-Idee?
Illustration Limo LechnerEigentlich müsste Olaf Orloff seinem Kumpel Franz Fiedler böse sein. Schließlich hatte Fiedler gegen das erste, das elementarste Gebot ihres Stammtisches verstoßen: "Kein Wort vom Büro!" lautete es, und die absolute Freiheit von allen Gesprächen rund um den Arbeitsplatz war für Orloff der wichtigste Grund, jeden Mittwochabend ins "Regenbogen" zu gehen. Eine echte Kneipe, wie sie in München-Schwabing nur noch selten zu finden ist - ganz ohne Tischtücher, Türsteher, Weinkarte und Chihuahua-Trägerinnen. Aber dafür mit Stammtisch. Und gerade als Psychologe mit gut ausgelasteter verhaltenstherapeutischer Praxis war Orloff dankbar dafür, einmal in der Woche mit ganz normalen Menschen über ganz normale Themen reden zu können - Frauen und Fußball eben.
So hatte der Abend auch am 13. September 2006 begonnen. Wolfgang, jenseits des "Regenbogen" Controller bei Siemens, erzählte gerade von der Hochzeit eines Freundes, bei der er das Gefühl nicht losgeworden war, dass das Brautpaar irgendwie nicht zusammenpasste: "Schon komisch, wenn man beim Hochzeitstanz schon die Scheidung vor sich sieht." Orloff erhob erst sich, dann sein Bierglas, und dröhnte in alter Franz-Josef-Strauß-Manier: "Von deutschem Boden darf nie wieder eine Scheidung ausgehen! Prost!" Schallendes Gelächter schlug ihm entgegen - und dann haute ihm Franz Fiedler auf die Schulter: "Genau! Das ist es! Olaf, du bist meine Rettung!"

Durchs Schlüsselloch dem Eheklempner zusehen.


Die nächsten fünf Minuten waren der Stammtisch-Sündenfall: Aus Franz Fiedler sprudelte es geradezu heraus. In der TV-Produktionsfirma, für die er seit drei Jahren als Redakteur arbeitete, zerbrachen sie sich seit Wochen die Köpfe über ein Konkurrenz-Format zur RTL-Serie "Die Super Nanny". ProSieben hatte fünf Produktionsfirmen aufgefordert, passende Konzepte zu präsentieren. Am kommenden Dienstag war Termin beim Sender - aber wie sollte man etwas präsentieren, wenn man nichts vorzuweisen hatte? Da kam Orloffs etwas bierselige Forderung gerade richtig: "So was wie die Super Nanny, nur nicht für Kinder, sondern für Ehen!", entfuhr es Fiedler. "Olaf, der Super Buddy", trompetete Anwalt Andreas vom anderen Ende des Stammtisches.
Orloff hatte keine Chance, sich zu zieren. Schon am kommenden Nachmittag schickte ihm Fiedler das Exposé für die TV-Serie in die Praxis, und das ganze Wochenende über fanden die Aufnahmen für den Pilotfilm statt, in dem er seinen ersten Ehekrach schlichten durfte, der Einfachheit und Schnelligkeit halber mit Schauspielern im Studio anstatt mit einem echten Paar in dessen Wohnung. Den Konflikt-Stoff hatte der Psychologe selbst vorgeschlagen - das klassische Zahnpastatubenproblem: Ein Paar zerstreitet sich über die Frage, ob man die Tube aufrollt oder ausdrückt.
Zwar gibt es im Plastikzeitalter kaum noch Zahnpastatuben aus Metall, die man aufrollen könnte; das klassische Tubenproblem ist also technisch veraltet. Aber, so Orloff, "das hat bei ProSieben keiner gemerkt. Und wenn es jemand gemerkt hätte, dann hätte es sie nicht interessiert. Durchs Schlüsselloch dem Eheklempner zuzuschauen und damit auch noch Gutes zu tun, dieser Ansatz hat die sofort fasziniert. Wir hatten gewonnen!"

Mitten ins Herz der Fernsehnation.


Orloff bezweifelte zwar stark, dass es genügend Paare gäbe, die bereit wären, ihren Streit vor der Kamera auszutragen. Aber da belehrte ihn Fiedler schnell eines Besseren: "Du glaubst gar nicht, was die Leute alles anstellen, nur um ins Fernsehen zu kommen. Und da wir sie ja nicht bloßstellen, sondern ihnen helfen wollen, musst du dir deswegen nicht einmal ein schlechtes Gewissen machen." In der Tat: Eine einzige E-Mail an den Standard-Verteiler einer Casting-Agentur reichte aus, um genügend Paare für die erste Staffel zu bekommen.
"Wir brauchen 100 Prozent Erfolgsquote", hatte Fiedlers Chef Karl Klosterfeld dem Super Buddy mit auf den Weg gegeben. "Wenn Sie eine Ehe nicht retten können, wollen wir das den Leuten auch nicht zeigen." Und um nicht gar zu harsch zu klingen, setzte er ein "Zumindest nicht in der ersten Staffel!" dahinter. Natürlich war sowohl Klosterfeld als auch Orloff klar, dass es Ehen gab, die nicht mehr zu kitten waren. Aber rein psychologisch, so Orloff, "lohnt es sich in fast jedem Fall für die Betroffenen, um den Bestand ihrer Beziehung zu kämpfen. Nur wenn man die Rettung versucht hat, weiß man, ob noch etwas zu retten ist."
Dennoch setzte natürlich an dieser Stelle die Kritik von Orloffs Fachkollegen an, als im Frühjahr 2007 die ersten 13 Folgen "Super Buddy" über den Sender gingen. Der Bundesverband der Psychologen wetterte gegen die "McDonaldisierung der Eheberatung" und die "Hokuspokus-Therapien" des Super Buddys. Aber genau damit traf ProSieben die fernsehende Nation tief ins Herz: Beziehungsprobleme, so die Message, konnten auch anders als durch Trennung gelöst werden. Wo die Beteiligten nur ein unlösbares Dilemma sahen, konnte von außen betrachtet der Ausweg klar und breit wie ein Scheunentor sein. Man musste nur miteinander reden. Man musste eine Lösung wollen. Und man musste Freunde haben, die einem halfen.

Eheleben statt TV-Konsum.


Es war, als hätte ganz Deutschland nur darauf gewartet, dem Sakrament der Ehe wieder die Ehre zu erweisen: Innerhalb von nur einem Jahr halbierte sich die Scheidungsrate in Deutschland! Zwar setzte sich dieser Rückgang in den kommenden Jahren nicht im gleichen Ausmaß fort, aber zumindest ist die durchschnittliche Lebensdauer einer Ehe in Deutschland deutlich angestiegen. "Olaf Orloff hat mehr für Ehe und Familie in unserem Land bewirkt als alle Päpste der letzten 100 Jahre zusammen", hieß es in der Laudatio des FAZ-Herausgebers Joschka Fischer aus Anlass der Verleihung der Goldenen Kamera 2010 an den Super Buddy.
Ob der Anstieg der Zahl der Eheschließungen ebenfalls eine Folge der nunmehr im fünften Jahr laufenden TV-Serie ist, ist unter Forschern umstritten. Die höhere Erfolgswahrscheinlichkeit mache die Ehe attraktiver, argumentieren die einen. Die Gegenseite führt den Anti-Individualisierungs-Trend ins Feld, der nichts mit dem Super Buddy zu tun haben könne, da er auch in anderen Ländern messbar sei, die keine Eherettungssendungen im Programm hätten.
Der internationale Erfolg des Super Buddy-Formats ist jedoch äußerst dürftig. Einzig auf dem an sich eher leichtlebigen südamerikanischen Kontinent hat diese Programmfarbe Fuß fassen können. In Europa und Nordamerika hat ein völlig unerwarteter Nebeneffekt die Sender davon abgehalten, einen Super Buddy ins Programm zu nehmen: das deutliche Absinken des gesamten Fernsehkonsums. Europaweit stagnierte die durchschnittliche Verweildauer vor dem Fernseher oder ging leicht zurück. Die Marktforscher konnten die Verantwortung dafür eindeutig dem Super Buddy zuweisen: Die Sendung mache den Zuschauern klar, wie wichtig es sei, zu kommunizieren und die eigene Beziehung sowie die Beziehung zu Freunden zu pflegen. Und im gleichen Ausmaß, in dem die hierfür aufgewendete Zeit zunimmt, reduziert sich die vor dem Fernseher zugebrachte Zeit.
"So ähnlich hat das schon Karl Marx im Kommunistischen Manifest geschrieben", murmelt der altgediente Kulturphilosoph Walter Weber am Stammtisch im "Regenbogen": "Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst."
Andreas hatte übrigens kurz vor Beginn der Ausstrahlung des neuen Formats eine Mail an den ProSieben-Justiziar geschickt, in der er die stammtischliche Geburt der Idee schilderte und vorschlug, gegen sieben Jahre Freibier für den Stammtisch auf die Geltendmachung von Titelschutzrechten zu verzichten.
Jetzt hebt er sein von ProSieben gestiftetes Bier und richtet sich an Orloff und Fiedler: "Mit der Bourgeoisie hat es ja nicht so ganz funktioniert. Umso besser, dass ihr das jetzt mit dem Fernsehen so macht. Auf unser aller Wohl - prost!"

Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.

Mit einer Illustration von Limo Lechner.

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