| Folge 11: Der Super Buddy |
So hatte der Abend auch am 13. September 2006 begonnen. Wolfgang, jenseits des "Regenbogen" Controller bei Siemens, erzählte gerade von der Hochzeit eines Freundes, bei der er das Gefühl nicht losgeworden war, dass das Brautpaar irgendwie nicht zusammenpasste: "Schon komisch, wenn man beim Hochzeitstanz schon die Scheidung vor sich sieht." Orloff erhob erst sich, dann sein Bierglas, und dröhnte in alter Franz-Josef-Strauß-Manier: "Von deutschem Boden darf nie wieder eine Scheidung ausgehen! Prost!" Schallendes Gelächter schlug ihm entgegen - und dann haute ihm Franz Fiedler auf die Schulter: "Genau! Das ist es! Olaf, du bist meine Rettung!"
Durchs Schlüsselloch dem Eheklempner zusehen.
Die nächsten fünf Minuten waren der
Stammtisch-Sündenfall: Aus Franz Fiedler sprudelte es geradezu
heraus. In der TV-Produktionsfirma, für die er seit drei Jahren
als Redakteur arbeitete, zerbrachen sie sich seit Wochen die
Köpfe über ein Konkurrenz-Format zur RTL-Serie "Die Super Nanny".
ProSieben hatte fünf Produktionsfirmen aufgefordert, passende
Konzepte zu präsentieren. Am kommenden Dienstag war Termin beim
Sender - aber wie sollte man etwas präsentieren, wenn man nichts
vorzuweisen hatte? Da kam Orloffs etwas bierselige Forderung
gerade richtig: "So was wie die Super Nanny, nur nicht für
Kinder, sondern für Ehen!", entfuhr es Fiedler. "Olaf, der Super
Buddy", trompetete Anwalt Andreas vom anderen Ende des
Stammtisches.
Orloff hatte keine Chance, sich zu zieren. Schon am
kommenden Nachmittag schickte ihm Fiedler das Exposé für die
TV-Serie in die Praxis, und das ganze Wochenende über fanden die
Aufnahmen für den Pilotfilm statt, in dem er seinen ersten
Ehekrach schlichten durfte, der Einfachheit und Schnelligkeit
halber mit Schauspielern im Studio anstatt mit einem echten Paar
in dessen Wohnung. Den Konflikt-Stoff hatte der Psychologe selbst
vorgeschlagen - das klassische Zahnpastatubenproblem: Ein Paar
zerstreitet sich über die Frage, ob man die Tube aufrollt oder
ausdrückt.
Zwar gibt es im Plastikzeitalter kaum noch Zahnpastatuben
aus Metall, die man aufrollen könnte; das klassische Tubenproblem
ist also technisch veraltet. Aber, so Orloff, "das hat bei
ProSieben keiner gemerkt. Und wenn es jemand gemerkt hätte, dann
hätte es sie nicht interessiert. Durchs Schlüsselloch dem
Eheklempner zuzuschauen und damit auch noch Gutes zu tun, dieser
Ansatz hat die sofort fasziniert. Wir hatten gewonnen!"
Mitten ins Herz der Fernsehnation.
Orloff bezweifelte zwar stark, dass
es genügend Paare gäbe, die bereit wären, ihren Streit vor der
Kamera auszutragen. Aber da belehrte ihn Fiedler schnell eines
Besseren: "Du glaubst gar nicht, was die Leute alles anstellen,
nur um ins Fernsehen zu kommen. Und da wir sie ja nicht
bloßstellen, sondern ihnen helfen wollen, musst du dir deswegen
nicht einmal ein schlechtes Gewissen machen." In der Tat: Eine
einzige E-Mail an den Standard-Verteiler einer Casting-Agentur
reichte aus, um genügend Paare für die erste Staffel zu bekommen.
"Wir brauchen 100 Prozent Erfolgsquote", hatte Fiedlers
Chef Karl Klosterfeld dem Super Buddy mit auf den Weg gegeben.
"Wenn Sie eine Ehe nicht retten können, wollen wir das den Leuten
auch nicht zeigen." Und um nicht gar zu harsch zu klingen, setzte
er ein "Zumindest nicht in der ersten Staffel!" dahinter.
Natürlich war sowohl Klosterfeld als auch Orloff klar, dass es
Ehen gab, die nicht mehr zu kitten waren. Aber rein
psychologisch, so Orloff, "lohnt es sich in fast jedem Fall für
die Betroffenen, um den Bestand ihrer Beziehung zu kämpfen. Nur
wenn man die Rettung versucht hat, weiß man, ob noch etwas zu
retten ist."
Dennoch setzte natürlich an dieser Stelle die Kritik von
Orloffs Fachkollegen an, als im Frühjahr 2007 die ersten 13
Folgen "Super Buddy" über den Sender gingen. Der Bundesverband
der Psychologen wetterte gegen die "McDonaldisierung der
Eheberatung" und die "Hokuspokus-Therapien" des Super Buddys.
Aber genau damit traf ProSieben die fernsehende Nation tief ins
Herz: Beziehungsprobleme, so die Message, konnten auch anders als
durch Trennung gelöst werden. Wo die Beteiligten nur ein
unlösbares Dilemma sahen, konnte von außen betrachtet der Ausweg
klar und breit wie ein Scheunentor sein. Man musste nur
miteinander reden. Man musste eine Lösung wollen. Und man musste
Freunde haben, die einem halfen.
Eheleben statt TV-Konsum.
Es war, als hätte ganz Deutschland
nur darauf gewartet, dem Sakrament der Ehe wieder die Ehre zu
erweisen: Innerhalb von nur einem Jahr halbierte sich die
Scheidungsrate in Deutschland! Zwar setzte sich dieser Rückgang
in den kommenden Jahren nicht im gleichen Ausmaß fort, aber
zumindest ist die durchschnittliche Lebensdauer einer Ehe in
Deutschland deutlich angestiegen. "Olaf Orloff hat mehr für Ehe
und Familie in unserem Land bewirkt als alle Päpste der letzten
100 Jahre zusammen", hieß es in der Laudatio des
FAZ-Herausgebers Joschka Fischer aus Anlass der Verleihung
der Goldenen Kamera 2010 an den Super Buddy.
Ob der Anstieg der Zahl der Eheschließungen ebenfalls eine
Folge der nunmehr im fünften Jahr laufenden TV-Serie ist, ist
unter Forschern umstritten. Die höhere Erfolgswahrscheinlichkeit
mache die Ehe attraktiver, argumentieren die einen. Die
Gegenseite führt den Anti-Individualisierungs-Trend ins Feld, der
nichts mit dem Super Buddy zu tun haben könne, da er auch in
anderen Ländern messbar sei, die keine Eherettungssendungen im
Programm hätten.
Der internationale Erfolg des Super Buddy-Formats ist
jedoch äußerst dürftig. Einzig auf dem an sich eher leichtlebigen
südamerikanischen Kontinent hat diese Programmfarbe Fuß fassen
können. In Europa und Nordamerika hat ein völlig unerwarteter
Nebeneffekt die Sender davon abgehalten, einen Super Buddy ins
Programm zu nehmen: das deutliche Absinken des gesamten
Fernsehkonsums. Europaweit stagnierte die durchschnittliche
Verweildauer vor dem Fernseher oder ging leicht zurück. Die
Marktforscher konnten die Verantwortung dafür eindeutig dem Super
Buddy zuweisen: Die Sendung mache den Zuschauern klar, wie
wichtig es sei, zu kommunizieren und die eigene Beziehung sowie
die Beziehung zu Freunden zu pflegen. Und im gleichen Ausmaß, in
dem die hierfür aufgewendete Zeit zunimmt, reduziert sich die vor
dem Fernseher zugebrachte Zeit.
"So ähnlich hat das schon Karl Marx im
Kommunistischen Manifest geschrieben", murmelt der
altgediente Kulturphilosoph Walter Weber am Stammtisch im
"Regenbogen": "Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus
zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie
selbst."
Andreas hatte übrigens kurz vor Beginn der Ausstrahlung des
neuen Formats eine Mail an den ProSieben-Justiziar geschickt, in
der er die stammtischliche Geburt der Idee schilderte und
vorschlug, gegen sieben Jahre Freibier für den Stammtisch auf die
Geltendmachung von Titelschutzrechten zu verzichten.
Jetzt hebt er sein von ProSieben gestiftetes Bier und
richtet sich an Orloff und Fiedler: "Mit der Bourgeoisie hat es
ja nicht so ganz funktioniert. Umso besser, dass ihr das jetzt
mit dem Fernsehen so macht. Auf unser aller Wohl - prost!"
Detlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
Mit einer Illustration von Limo Lechner.
© changeX [04.05.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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Detlef GürtlerDetlef Gürtler ist freier Publizist und Buchautor. Er lebt und arbeitet in Marbella und Berlin.
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