Aufgemerkt

Was stellt die Aufmerksamkeitsökonomie mit unserer Aufmerksamkeit an?
Interview: Tobias Bachmann für die taz; Buch-Feature: Winfried Kretschmer

Die Aufmerksamkeitsökonomie hat einen paradoxen Haken. Denn hier hat Aufmerksamkeit keinen Wert an sich. Von Wert ist sie nur als Ware. Anstatt unsere Aufmerksamkeit zu fördern und zu entfalten, wird sie in der Aufmerksamkeitsökonomie ausgebeutet. Es mehren sich die Befunde, dass soziale Medien unsere Aufmerksamkeit stehlen, ja zerstören. Als Einzelne sind wir dagegen machtlos, sagt die Autorin und Filmemacherin Alyssa Loh. Deshalb brauche es eine Bewegung, die Aufmerksamkeit befreit. Drei Bücher und ein Interview zu einem brisanten Thema.

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Gut fünf Milliarden Menschen weltweit nutzen Social Media. Etwa zwei Stunden und 20 Minuten verbringen sie im Durchschnitt in Netzwerken wie Facebook, Instagram oder TikTok. Und viele Menschen können sich ein Leben ohne WhatsApp & Co gar nicht mehr vorstellen. Und das gerade mal zwei Jahrzehnte, nachdem die neuen Kommunikationsplattformen ihren Durchbruch erzielten. Das ist nicht nur die größte Medienrevolution, sondern zugleich das größte Experiment der Mediengeschichte. Denn was Social Media anrichten - individuell, sozial wie gesellschaftlich - ist keineswegs klar. Die Folgenabschätzung geschieht gewissermaßen bei laufendem Betrieb. Eine paradoxe Entwicklung: Während die Zahl der Nutzer weiterhin wächst (um zirka 200 Millionen pro Jahr weltweit), wird die Wirkung sozialer Medien zunehmend kritisch hinterfragt. Neben Jugend- und Datenschutz und diversen Formen von Missbrauch und riskanter Nutzung der neuen sozialen Medien rückt dabei ein Aspekt in den Fokus, der in deren technischer Grundstruktur wurzelt: der Verlust von Aufmerksamkeit. Jener kostbaren Ressource, die es uns möglich macht, uns zu konzentrieren und zu fokussieren. Eben das, konzentriert und fokussiert zu sein - also ganz in der Welt und ganz bei uns - werde durch den von ausgeklügelten Algorithmen gesteuerten Strom von Nachrichten, Bildern und Informationen zunehmend beeinträchtigt, ja: unmöglich gemacht, so die These. Ein Punkt, der aufmerken lässt. 

Was also machen die sogenannten sozialen Medien mit unserer Aufmerksamkeit? Zwei Bücher haben sich diesem Thema mit besonderem Nachdruck zugewandt. Es war die multidisziplinär arbeitende Autorin, Künstlerin und Pädagogin Jenny Odell, die sich tiefschürfend mit diesem Zusammenhang beschäftigt hat. "Zuhören" war unsere Rezension ihres Buches Nichts tun (2021) auf changeX überschrieben. Und "Zuhören" hieß dann auch das Buch des deutschen Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen, der Zuhörenkönnen als die zentrale Fähigkeit im menschlichen Miteinander beschreibt (erschienen 2025). "Zuhören" ist dabei keine zufällige Übereinstimmung im Titel. Sondern der zentrale Punkt.


Anleitung zum Nichts tun


Also zunächst zu Jenny Odell und ihrem Buch mit dem zweideutigen Titel, der, je nachdem ob der (zusammen) Nichtstun oder (getrennt) Nichts tun geschrieben wird, unterschiedliche Konnotationen befördert. Odells Buch geht in "Opposition zu einer produktivitätsbesessenen Umwelt" und versteht sich als "eine praktische Anleitung zum Nichts tun als Akt des politischen Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie". Ziel ist die Rückgewinnung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit. 

Das Buch verfolgt damit eine doppelte Argumentationsrichtung. Erstens beschreibt es die Aufmerksamkeitsökonomie als eine Wirtschaftsform, die dadurch charakterisiert ist, dass sie Aufmerksamkeit ökonomisch verwertbar macht. Odell kritisiert, dass sich Plattformen wie Facebook und Instagram "unser natürliches Interesse an anderen und das zeitlose Bedürfnis nach Gemeinschaft zunutze machen, unsere ureigensten Sehnsüchte kapern, hintertreiben und aus ihnen Kapital schlagen". Diese Plattformen nutzten eine Technologie, die in ihrem gegenwärtigen Design "bewusst falsche Ziele im Hinblick auf Selbstreflexion, Neugierde und das Verlangen, einer Gemeinschaft anzugehören, kreiert". Zweitens entwickelt das Buch eine Handlungsanleitung, wie es gelingen kann, sich deren Zwang zu entziehen. Ausstieg ist das Thema. Mit "Ausstieg" meint Odell indessen keinen generellen Rückzug aus Social Media, sondern eine Verschiebung von Aufmerksamkeit hin in ein anderes Bezugssystem, einen "dritten Raum". Eine Verschiebung im Sinne "einer disziplinierten Vertiefung von Aufmerksamkeit", die zu einer anderen Wahrnehmung der Realität führt, so Odell: "Wenn dein Aufmerksamkeitsmuster sich verändert hat, dann erschaffst du deine Realität anders." Geschärfte Aufmerksamkeit wird so zum Erkenntnisinstrument, das wiederum die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit verändert. Zentral dabei wie gesagt: Zuhören. Es geht um "Zuhören als einem inneren Verstehen der Perspektive des anderen". Aufmerksamkeit versteht Odell als einen "Zustand von Offenheit". 

Odells Buch zeigt, wie es gelingen kann, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Es ist ein Aufruf zur Verweigerung. Odell verbindet eine klare Analyse der Aufmerksamkeitsökonomie und der Wirkungsweise digitaler Social-Media-Plattformen mit einer hellsichtigen Reflexion über Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und die Konstruktion von Wirklichkeit. Ein Plädoyer für Nichts tun als Auszeit vom Zwang zur permanenten Produktivität, für ein Tun, das sich der Vorherrschaft von Produktion und Effizienz entzieht. Odell schreibt: "Es bedarf einer Pause, (…) um nichts zu tun, um einfach zuzuhören, sich auf tiefster Ebene daran zu erinnern, was, wann und wo wir sind." Rezipiert wurde ihr Buch freilich als Mix aus Selbsthilferatgeber und politischem Manifest, als ein zeitgeistiges Buch, das mit seinen Anklängen an Wandern, Waldbaden und Bird Watching aktuelle Sehnsüchte befriedigt. Nicht als Anleitung zu einer anderen Praxis der Wahrnehmung.


Der Welt neu und anders zuhören


Jenny Odell ist auch eine der Bezugspersonen in Bernhard Pörksens Buch Zuhören. Odell hatte den deutschen Medienwissenschaftler über drei Sommer hinweg zu Gesprächen in einen Rosengarten in Oakland eingeladen. Und sie half ihm, wie er schreibt, "das Zuhören als eine verkörperte, an einen Ort gebundene Praxis zu begreifen". In seinem Buch wendet sich Pörksen gegen die Gefahr des sofortigen Bescheidwissens und des vorschnellen Urteils. Für ihn sind es zurechtgelegte Gewissheiten, vorgefertigte Meinungen und vorschnelle Urteile, die, eingebunden in prägende mentale Deutungsrahmen, das Zuhören blockieren. Zuhören bedeute hingegen, den Standpunkt eines anderen Menschen ernstzunehmen und die vertretene Position als prinzipiell akzeptabel, erkenntnisträchtig oder zumindest interessant zu würdigen. Zuhören im weiteren Sinne steht dabei für eine Art der Zuwendung zur Welt: als Form der Wahrnehmung, als Erkenntnisprogramm. 

In der Praxis geht es um eine Schulung der eigenen Wahrnehmung in Form von komplexen, möglichst vielschichtigen Beschreibungen. Das ist es, was der Autor proklamiert, ja fordert: genau Hinschauen, oder genauer: eine maximale Präzision bei der Sichtbarmachung von Kontexten. Eigentlich wäre es ein Gebot der Stunde, schreibt Pörksen, "erst einmal innezuhalten, nachzufragen, zuzuhören, die konkreten Anlässe und die Details zu studieren, um dann, vielleicht unter Verzicht auf die großen, donnernden Worte, ein Urteil zu fällen, das für die je besonderen Verhältnisse gilt, konkret und nuanciert." Und es ist Jenny Odell, deren "dritte Position zwischen Weltzuwendung und Weltflucht" dem Autor als gleichermaßen brisant und zukunftsträchtig erscheinen. "Der Welt neu und anders zuhören", ist die Devise.


Fracking an Menschen


Und nun Attensity! Der Titel eines Buchs, das Anfang 2026 in New York erschienen ist. Es versteht sich als Manifest: "A Manifesto of the Attention Liberation Movement", so der Untertitel, herausgegeben von "The Friends of Attention", einem Kollektiv aus Aktivisten, Künstlern und Denkern, das sich für die Rückgewinnung der Aufmerksamkeit einsetzt. Drei langjährige Mitglieder verantworten das Werk als Herausgeber: D. Graham Burnett ist Henry-Charles-Lea-Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Princeton University. Die Filmemacherin Alyssa Loh war Co-Regisseurin des Kurzfilms "Twelve Theses on Attention". Und Peter Schmidt ist Programmdirektor der Strother School of Radical Attention. 

In ihrem Buch geht es um die Befreiung der Aufmerksamkeit aus den Fesseln einer übermächtigen Technikindustrie, die durch eine Algorithmen-gesteuerte Bindung der Aufmerksamkeit von Milliarden Nutzern gigantische Umsätze erwirtschaftet. Es geht um einen Kampf gegen diese Algorithmen, die den Diebstahl von Aufmerksamkeit technisch perfektionieren, um daraus wirtschaftliche Wertschöpfung zu gewinnen. "Fracking an Menschen" nennt das die Co-Autorin Alyssa Loh in Anspielung auf die Technik des hydraulischen Frackings, mit dessen Hilfe Erdgas oder Erdöl aus undurchlässigen Gesteinsschichten herausgepresst wird, um so auch die verbliebenen Reste fossiler Ressourcen nutzbar zu machen. "So wie das Fracking zur Gewinnung von Erdgas unsere äußere Umwelt zerstört, schadet das Fracking der Techbranche unserer inneren Umwelt", sagt Loh im unten wiedergegebenen Interview mit der wochentaz. Die Techindustrie stehle unsere Aufmerksamkeit, um Geld daraus zu machen, so Loh. Dem Einhalt zu gebieten, ist der Kerngedanke, das Anliegen von Attensity! 

Der eingängige Begriff ist dabei mit Bedacht gewählt, wie der britische Publizist und Autor Jeremy Williams erläutert. In seiner Rezension des Buchs, erschienen auf seiner Website The Earthbound Report, reflektiert Williams die Herkunft und das Potenzial des Begriffs: Demzufolge ist "Attensity" ein in Vergessenheit geratener wissenschaftlicher Terminus aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Geprägt wurde er von einer Schule von Psychologen, die sich mit Aufmerksamkeit beschäftigten. Die "Friends of Attention" wollen diesen Begriff nun wiederbeleben - und ihn auf dieselbe Weise populär machen, wie einst die Umweltschützer das Wort "Ökologie". So wie "Ökologie" für den Schutz der belebten Umwelt steht, so soll "Attensity" zum Leitwort einer neuen Bewegung zum Schutz der Aufmerksamkeit werden. Es gehe darum, "den wirklichen Wert der Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren", so Loh im nachfolgend wiedergegebenen Interview, das Tobias Bachmann für die wochentaz geführt hat. changeX publiziert das Interview mit freundlicher Genehmigung der TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH. 


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"Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt"


Alyssa Loh wünscht sich eine politische Bewegung, die Aufmerksamkeit befreit - ein Interview 

Meta & Co stehlen unsere Aufmerksamkeit, sagt die Filmemacherin Alyssa Loh. Ihr Fazit: Einzeln kommen wir dagegen nicht an, deshalb braucht es eine Bewegung. Eine politische Bewegung, die Aufmerksamkeit befreit. 


Alyssa Loh lebt als Filmemacherin und Schriftstellerin in New York. In ihren Werken erkundet sie, wie die Digitalisierung unsere Leben verändert. Seit 2018 ist sie bei den "Friends of Attention" aktiv, einer Gruppe von Kunst- und Kulturschaffenden, die mit Publikationen und Trainings gegen die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit ankämpft. Anfang 2026 publizierten die Friends of Attention ihr Buch Attensity!, ein leidenschaftliches Manifest gegen die Ausbeutung der menschlichen Aufmerksamkeit durch große Tech-Konzerne - und ein Appell, "Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren", so Alyssa Loh. 


taz: Alyssa Loh, wie viel Zeit haben Sie heute schon an Ihrem Smartphone verbracht? 

Alyssa Loh: Viel mehr als ich eigentlich wollte. Das passiert mir ständig und vielen anderen auch.
 

Warum können wir uns so schlecht von unseren Bildschirmen lösen? 


Weil es eine Multibillionen-Dollar-Industrie gibt, deren zentrales Ziel es ist, uns an unsere Geräte zu fesseln. Die bestbezahlten und -ausgebildeten Ingenieur*innen der Welt entwickeln dafür ausgeklügelte Technologien.
 

Technologien wie das Infinite Scroll, also das unendliche Nachladen von Bildern und Videos bei Tiktok und Co? 

Genau. Infinite Scroll zählt zu den Dark Patterns, also jenen Designmerkmalen von Software und Geräten, die darauf ausgelegt sind, uns süchtig zu machen. Besonders Smartphones sind voll davon. Sie sind nicht so konzipiert, dass wir damit tun können, was wir wirklich wollen.
 

Sondern? 

Smartphones sind darauf ausgelegt, die Ziele der Techkonzerne voranzutreiben. Während du am Handy scrollst, messen Meta, Google und Co, wie lange du in die eine oder andere Ecke deines Bildschirms schaust. Sie verfolgen, was dich interessiert. Und je länger du an deinem Gerät bist, desto mehr Daten können sie von dir sammeln - um sie an den Meistbietenden zu verkaufen.
 

In Ihrem neuen Buch Attensity! A Manifesto of the Attention Liberation Movement beschreiben Sie diese Praktiken als "Fracking an Menschen". Ist das nicht etwas übertrieben? 

Nein. So wie das Fracking zur Gewinnung von Erdgas unsere äußere Umwelt zerstört, schadet das Fracking der Techbranche unserer inneren Umwelt. Es verschmutzt unseren Geist und unsere Sinne, kann zu Depressionen, Angstzuständen und Gefühlen der Isolation führen - besonders, aber längst nicht nur, bei jüngeren Generationen.
 

Sie schreiben, bedroht sei dabei etwas ganz Grundsätzliches: unsere Aufmerksamkeit. 

Richtig. Die Techindustrie stiehlt sie uns, um Geld daraus zu machen. Je mehr wir vor unseren Bildschirmen sitzen, desto weniger Aufmerksamkeit widmen wir anderen Dingen, die uns möglicherweise mehr Freude bereiten und viel besser tun würden.
 

Zum Beispiel? 

Das kann alles Mögliche sein: Lesen, Klettern, Backen, mit einer Freundin sprechen oder mit dem Hund spazierengehen.
 

Viele Menschen versuchen, weniger am Handy zu sein. Sie schrieben kürzlich in der New York Times, dadurch würden wir zu "ängstlichen Buchhaltern unserer eigenen Aufmerksamkeit". Was meinen Sie damit? 

Viele verstehen Aufmerksamkeit heute vor allem numerisch. "Oh mein Gott", denken sie ständig, "ich habe schon wieder 17 Minuten auf Instagram verbracht." In Ihrer ersten Frage haben Sie mich auch direkt nach meiner Screentime gefragt.
 

Warum soll das ein Problem sein? 

Aufmerksamkeit ist viel mehr als eine Zeitspanne. Es ist eine Art, in der Welt präsent zu sein, mit dem Geist und den Sinnen. Sie beeinflusst, wie wir unser Leben erfahren, wie es sich anfühlt, mit unseren Kindern, Eltern, Freunden zu sein. Für vieles Gute im Leben ist die Aufmerksamkeit zentral. Auch für die Demokratie.
 

Inwiefern? 

Für einen produktiven politischen Diskurs müssen Menschen sich einander zuwenden, zuhören - sich also Aufmerksamkeit schenken, gerade wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Das klappt am besten, wenn sie sich im echten Leben begegnen. Die digitalen Räume, in denen heute viele politische Debatten ausgetragen werden, sind zunehmend monetarisiert und so gestaltet, dass produktive Gespräche unmöglich werden.
 

Weil soziale Medien polarisierende Beiträge an mehr Menschen ausspielen? 

Zum Beispiel, ja. Die Techkonzerne verdienen viel Geld an unserer Wut und daran, uns zu spalten. Isoliert vor unseren Geräten geraten wir zudem leichter in ideologische Silos. Es ist schwer vorstellbar, dass die Polarisierung in den USA den heutigen Krisenpunkt ohne die zunehmende Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit erreicht hätte.
 

Mit Ihrem Buch wollen Sie eine politische Bewegung anstoßen. Sie soll die Aufmerksamkeit befreien. Wie stellen Sie sich das vor? 

Wir kämpfen für einen kulturellen Wandel. Wir wollen verändern, wie Leute über ihre Aufmerksamkeit nachdenken und mit ihren Mitmenschen darüber sprechen. Wenn wir die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit aufhalten wollen, müssen wir ein Verständnis von Aufmerksamkeit schaffen, das nicht numerisch, also nicht wirtschaftlich verwertbar ist.
 

Könnte die Techbranche nicht einfach besser reguliert werden? 

Meine Co-Autor*innen und ich sind Kulturmenschen. Sicherlich gibt es viele mögliche Gesetzesänderungen, die der Befreiung der Aufmerksamkeit förderlich wären. Aber uns geht es darum, den wirklichen Wert der Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren.
 

Und wie genau wollen Sie verändern, wie Menschen über ihre Aufmerksamkeit nachdenken? 

Wir fangen nicht bei null an. Die meisten Menschen praktizieren bereits hin und wieder Aufmerksamkeitsaktivismus. Nur sehen sie das nicht so. Wir wollen sie also zunächst dazu einladen, darüber nachzudenken, wann und in welchen Momenten ihres Lebens sie sich aufmerksam fühlen.
 

Wie merkt man denn, ob man aufmerksam ist? 

Wenn die Welt und andere Menschen uns echt und nah erscheinen, wir den Kontakt zu ihnen mit unserem Geist und unseren Sinnen spüren. Statt leer und fremd fühlen wir uns dann im besten Fall energetisiert und erneuert. Mir geht das beispielsweise so, wenn ich jemanden Neues treffe und die Person plötzlich ganz anders ist, als ich es mir im Kopf vorgestellt habe. Für andere Menschen kann das ganz Verschiedenes sein: eine Dinnerparty, sich um ein Kind kümmern, mit fünf Freunden Skaten gehen oder Bridge spielen, zum Beispiel.
 

Wie wird daraus eine Bewegung? 

Indem immer mehr Leute merken, wann und wo sie wirklich aufmerksam sind und diese Räume dann ausbauen und mit anderen teilen. Museen, Bibliotheken, Leseklubs, Basketballplätze, Yogastudios - sämtliche Orte, in denen wir unsere Smartphones in die Tasche stecken, können Orte des Aufmerksamkeitswiderstands sein.
 

Könnten sich nicht alle einfach so vornehmen, weniger am Handy zu sein? 

Das wird nicht genügen. Zwischen uns Menschen und der Techbranche gibt es eine immense Asymmetrie. Viele beginnen erst jetzt, über die Rolle der Aufmerksamkeit in unserem Leben nachzudenken. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Aufmerksamkeit wurzelt hingegen in über einem Jahrhundert militärischer und laborbasierter Forschung. Mit der Erfindung des iPhones hat sie sich noch einmal intensiviert. Um dieser Asymmetrie zu begegnen, braucht es kollektives Handeln, also eine Bewegung. Die zentrale Idee, um die sie sich organisieren kann, ist: Aufmerksamkeit. Sie ermöglicht soziale Identität für Menschen ganz verschiedener Hintergründe, weil alle vom Aufmerksamkeitsdiebstahl betroffen sind.
 

Was macht Ihnen Hoffnung, dass eine solche Bewegung gegen die Macht der Techkonzerne ankommen kann? 

Es ist immer schwer, sich etwas anderes als die Gegenwart vorzustellen. Aber ein Blick in die Geschichtsbücher genügt, um zu sehen: Alle möglichen sozialen Rechte, die wir heute kennen, schienen zunächst unerreichbar. Und doch wurden sie von breiten Bewegungen erkämpft. Die Welt wird sich wieder ändern.
 

Autor: Das Interview führte Tobias Bachmann für die wochentaz: Geboren kurz vor dem Mauerfall in Sachsen-Anhalt. Über einige Umwege zum Schreiben gekommen. Besonders interessiert an sozialen Bewegungen, gesellschaftlichem Wandel, Protest, Migration und Flucht. Studiert einen Mix aus Ökologie, Ressourcenökonomie, Politikwissenschaften und kritischer Theorie in Berlin. Volontiert seit März 2025 bei der taz, aktuell im Politik-Team der wochentaz


Zitate


"Aufmerksamkeit ist viel mehr als eine Zeitspanne. Es ist eine Art, in der Welt präsent zu sein, mit dem Geist und den Sinnen. Sie beeinflusst, wie wir unser Leben erfahren." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

"Für einen produktiven politischen Diskurs müssen Menschen sich einander zuwenden, zuhören - sich also Aufmerksamkeit schenken, gerade wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Das klappt am besten, wenn sie sich im echten Leben begegnen. Die digitalen Räume, in denen heute viele politische Debatten ausgetragen werden, sind zunehmend monetarisiert und so gestaltet, dass produktive Gespräche unmöglich werden." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

"Wir kämpfen für einen kulturellen Wandel. Wir wollen verändern, wie Leute über ihre Aufmerksamkeit nachdenken und mit ihren Mitmenschen darüber sprechen. Wenn wir die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit aufhalten wollen, müssen wir ein Verständnis von Aufmerksamkeit schaffen, das nicht numerisch, also nicht wirtschaftlich verwertbar ist." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

"Uns geht es darum, den wirklichen Wert der Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

"Viele beginnen erst jetzt, über die Rolle der Aufmerksamkeit in unserem Leben nachzudenken." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

"Alle sozialen Rechte, die wir heute kennen, schienen zunächst unerreichbar. Und doch wurden sie von breiten Bewegungen erkämpft. Die Welt wird sich wieder ändern." Alyssa Loh: Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt

 

changeX 14.07.2026. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Attensity!. A Manifesto of the Attention Liberation Movement by The Friends of Attention. Crown Publishing Group, New York 2026, ca. 21 bis 30 Euro (D), ISBN 9798217086153

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Autor

Tobias Bachmann
Bachmann

Volontiert seit März 2025 bei der taz, aktuell im Politik-Team der wochentaz. Besonders interessiert an sozialen Bewegungen, gesellschaftlichem Wandel, Protest, Migration und Flucht.

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.

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