Im Nebel der Fakten
Die changeX-Buchumschau im Herbst 2026
In unserer Buchauslese geht es diesmal um folgende Themen: die Neuausrichtung des Ich in der Netzwerkgesellschaft, ein anderes Verständnis von Fokus, neue Formen digitaler Arbeit, Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsdiebstahl, Misstrauen und die Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse, Geschichten und Zukunftsbilder, den Unterschied zwischen maschineller Verarbeitung und menschlichem Denken sowie andere Intelligenzen, die wir mitbedenken sollten - und nicht zuletzt, fast immer mitschwingend, um Fakten und ihre Konstruktion.
Auswahl und Rezensionen: Winfried Kretschmer, mit einer Rezension von Stefan Wally.
Ein themenorientierter Streifzug durch die Bücher:
Christian Schuldt:
Das nächste Ich.
Identität in der Netzwerkgesellschaft.
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2026, 128 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-95832-437-4
Beinahe nahtlos ist der lange Prozess der Individualisierung in eine Hyperindividualisierung übergegangen: eine übersteigerte Ich-Zentrierung, in der das Individuum sich als Angelpunkt der Welt wahrgenommen hat. Das könnte bald Vergangenheit sein. Doch was käme danach? Der Soziologe Christian Schuldt hat sich auf die Suche nach einer Antwort begeben, auf eine "Expedition zum nächsten Ich". Er schreibt: "Das überreizte Ich signalisiert, dass die immer weiter gesteigerte Dynamik der Individualisierung an einen Tipping Point gelangt ist." An einen Umschlagpunkt, an dem die Individualisierung, nicht mehr weiter steigerbar ist. An dem sich etwas Neues andeutet. Systemtheoretisch beschlagen lotet Schuldt die neuen Spielräume aus, die sich dem Selbst in einer hochgradig vernetzten Welt eröffnen: Bezüge und Beziehungen außerhalb seiner selbst. Jenseits der eigenen Überreizung und Übermüdung. Schuldt registriert eine grundlegende Verschiebung der Perspektive: Ging es zunächst um die Selbstbespiegelung unter dem Blick der anderen, weitet sich der Blick nun auf Um- und Mitwelten. Seine These lautet: "Unter den Vorzeichen der Vernetzung begreift sich das Individuum zunehmend nicht mehr primär als isolierte Singularität, sondern als Teil größerer Zusammenhänge - als Schnittstelle zu sozialen, ökologischen, technologischen und kulturellen Welten." Was sich abzeichne, das sei "eine Neukonfiguration des Selbst, das sich nun zunehmend als Teil komplexer, ökologischer Kreisläufe versteht." Der Mensch nicht mehr Mittelpunkt, sondern als "integrierter Knotenpunkt eines größeren Ganzen".
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Birgit Amelung:
Der Multifokus-Effekt.
Eine Einladung, dein Leben neu zu denken.
GABAL Verlag, Offenbach 2026, 192 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-96739-275-3
"Konzentriert. Fokussiert. Erfolgreich!" Das ist die Essenz einer verbreiteten Erfolgsstrategie in Beratung und Coaching. Zum Zweck der Selbstoptimierung wird ein Ideal von Fokus propagiert, das eine strikte Fokussierung auf ein Projekt, eine Rolle oder ein Lebensziel vorschreibt: "Wer erfolgreich sein will, soll sich einer Sache widmen." So fasst die Unternehmerin, Beraterin und Autorin Birgit Amelung dieses Konzept zusammen - um sich fundamental davon abzugrenzen. In ihrem Buch will sie eine neue Perspektive eröffnen und "ein anderes Verständnis von Fokus entfachen". Ein Verständnis, "das sich an unserem echten Leben mit all seiner Vielfalt orientiert und nicht nur an Tageszielen oder Business-Projekten", so Amelung, "denn zu unserer Lebensrealität gehört so viel mehr." So verstanden erscheint Fokus nicht mehr als einschränkende Disziplin, sondern als Anerkenntnis der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Interessen, Neigungen und Qualifikationen, die sich in einer Person vereinen können. Pointiert im O-Ton: "Das echte Leben ist nicht monofokussiert. Es ist nicht linear. Es ist mehrdimensional. Es ist ‚sowohl als auch‘. Es ist komplex, widersprüchlich und bunt." Dies soll Amelungs neuer Begriff ausdrücken, der dem Buch seinen Titel gibt: Multifokus. Mit Wucht verabschiedet sich das Buch von ebenso eindimensionalen wie armseligen Persönlichkeitskonzepten, die das Selbstoptimierungsstreben noch immer prägen.
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Tanja Prokić:
Alltag als Arbeit.
Wie Influencer:innen unser Selbstbild verändern.
Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart 2026, 128 Seiten, 8 Euro (D), ISBN 978-3-15-014667-5
Was macht eigentlich eine Influencerin, ein Influencer? Ist das eine Berufsbezeichnung? Lässt sich damit Geld verdienen? Umfragen zufolge handelt es sich heute um den meist genannten Berufswunsch von Jugendlichen. Und: Ja, damit lässt sich Geld verdienen. Ist das also Arbeit? Ebenfalls ja, meint die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Tanja Prokić, die sich mit Plattformkultur und digitaler Arbeit beschäftigt. Sie beobachtet eine einzigartige "Amalgamierung von verschiedenen Arbeitsformen, die Werbung und Marketing vollkommen neu im Sozialleben der Menschen verankert". Diese besondere Kombination beschreibt die Autorin als Verschränkung dreier Typen von Arbeit: Sichtbarkeitsarbeit, Affektarbeit und Authentizitätsarbeit. Kein "Herumgedaddel" also, sondern anspruchsvolle, selbstbestimmte Arbeit. So schreibt Prokić über die Influencerin Leoobalys, die bereits im Kindesalter begonnen hat, ihre eigene Person zu einer Produktwerbeplattform auszubauen: "Wir sehen eine Teenagerin, die unentwegt in Arbeitsprozesse involviert ist, die zu einem hohen Maß in Eigenregie, Selbstverantwortung und hoher Konzentration stattfinden." Kurzum: Immer von Neuem wandelt Arbeit ihr Gesicht.
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D. Graham Burnett, Alyssa Loh, Peter Schmidt (Hg.):
Attensity!.
A Manifesto of the Attention Liberation Movement by The Friends of Attention.
Crown Publishing Group, New York 2026, ca. 21 bis 30 Euro (D), ISBN 9798217086153
Attensity! Ein Buch, ein Manifest, herausgegeben von "The Friends of Attention", einem Kollektiv von Aktivisten, Künstlern und Denkern, das sich für die Rückgewinnung der Aufmerksamkeit einsetzt. Für ihre Befreiung aus den Fesseln einer übermächtigen Technikindustrie, die durch eine Algorithmen-gesteuerte Bindung der Aufmerksamkeit von Milliarden Nutzern gigantische Umsätze erwirtschaftet. Die Techindustrie stiehlt unsere Aufmerksamkeit, ist die Kernthese, diesem Aufmerksamkeitsdiebstahl Einhalt zu gebieten, das Anliegen des Buchs. Der Titel ist mit Bedacht gewählt. "Attensity" ist ein in Vergessenheit geratener wissenschaftlicher Terminus, geprägt von Psychologen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Aufmerksamkeit beschäftigten. Die Friends of Attention wollen ihn nun wiederbeleben. Und ihn in Stellung bringen: Wie einst die Umweltbewegung "Ökologie" einst zum Inbegriff für den Schutz der belebten Umwelt erklärte, soll "Attensity" heute zum Leitwort einer neuen Bewegung zum Schutz der Aufmerksamkeit werden. Das Ziel: Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren. Ein wichtiges Buch zu einem zentralen Thema unserer Zeit.
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Aladin El-Mafaalani:
Misstrauensgemeinschaften.
Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025, 128 Seiten, 16 Euro (D), ISBN 978-3-462-01457-0
Etwas ist in den demokratischen Gesellschaften des Westens in Schieflage geraten. Etwas, das ihre Funktionsfähigkeit jahrzehntelang gesichert hatte, funktioniert nicht mehr: Die öffentliche Meinungsbildung ist aus dem Lot. Verschwörungsideologien, Populismus und rechtsnationalistische Gesinnungen - in Summe Einstellungen, die gesellschaftliche Komplexität negieren - breiten sich aus. Über die Gründe sind sich politische und sozialwissenschaftliche Beobachter uneins. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani bringt nun eine pointierte Erklärung ins Spiel. Er registriert ein gewachsenes - und wachsendes - Misstrauen in der Gesellschaft. Und sagt: "Misstrauen verstärkt die Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien, die wiederum das Misstrauen verstärken." Vertrauen, Misstrauen und die wachsende gesellschaftliche Komplexität stehen dabei in einem engen, ja kausalen Zusammenhang. Diese teils paradoxe Wechselbeziehung analysiert El-Mafaalani eingehend, präzise und scharfsinnig. Hierin vor allem liegt der Erkenntnisgewinn seines Buches. Seine Argumentation in kurzen Zügen zusammengefasst: Offensichtlich wächst die Komplexität in unseren Gesellschaften, und dies in einem Maße, das ein Mehr an Vertrauen voraussetzt. Weil es aber immer schwieriger wird, die Komplexität der Gesellschaft zu verstehen und zu durchdringen, wird zugleich Misstrauen wahrscheinlicher. Und weil Informationen in einer komplexen Gesellschaft leichter zirkulieren können, kann Misstrauen sich schneller verbreiten. Misstrauensgemeinschaften entstehen, die sich über miteinander geteiltes Misstrauen stabilisieren und dieses wiederum verstärken. Doch wie dem begegnen? Am Ende atmet das Buch eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der ungestümen Entwicklung, die es beschreibt. Ein Punkt ist jedoch zentral: Der Autor plädiert für einen anderen Umgang mit Komplexität und Unsicherheiten. Sprich: die Komplexität der Gesellschaft anerkennen. Endlich.
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Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser, Christian Seidel:
Besser um die Zukunft streiten.
Hanser Verlag, München 2026, 136 Seiten, 16 Euro (D), ISBN 978-3-446-28563-7
Nicht die Gesellschaft spaltet sich. Polarisierung entzündet sich vielmehr an bestimmten Themen und Konfliktfeldern. Musterbeispiel Klimawandel: ein hochgradig aufgeladenes Debattenfeld. "Die Klimadebatte wird derzeit dominiert von Pauschalisierungen, Polemik und Verkürzung." Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches, das sich argumentativ in diese Debatte einmischen möchte, in der sich die Auffassungen massiv widersprechen. Und offensichtlich nicht alle zugleich wahr sein können. Mithin ein Fall für die Philosophie, meinen die fünf Philosophïnnen, denn die habe das Geschäft, alle Argumente anzunehmen und kritisch, aber ergebnisoffen zu prüfen, seit Jahrhunderten gepflegt und verfeinert. In ihrem Buch nehmen sie sich "zwanzig Einwürfe, Phrasen und Argumente vor, die die Klimadebatte derzeit prägen" - und rühren an die Grundlagen: Dass es nicht reicht, sich auf die Wissenschaft zu berufen. Dass es normative Antworten braucht, die in einem demokratischen Prozess zu finden sind. Und dass "normativ" aber nicht bedeutet, dass Aussagen über Werte rein subjektiv seien. "Im Gegenteil: Es ist möglich, rational, gewissenhaft und sachorientiert über ethische Fragen in der Klimadebatte nachzudenken und auch zu streiten." Das führt das Buch mit bewundernswerter Klarheit vor Augen - und bietet zugleich ein Lehrstück in der Erwägung ethischer Fragen.
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Anne Schüller:
Narrative für eine bessere Zukunft.
Wie kraftvoll erzählte Geschichten unser Leben und die Arbeitswelt positiv wandeln.
Verlag Franz Vahlen, München 2026, 231 Seiten, 24.90 Euro (D), ISBN 978-3-8006-7998-0
Zukunftsbilder, die in Medien, Wissenschaft und gesellschaftlicher Debatte herumgereicht werden, sind meist nur wenig ansprechend: wissenschaftlich-technisch, abstrakt, wenig anschaulich. Oft düster, ja dystopisch. Machen keinen Zukunftsmut. Dieser Befund ist der Ausgangspunkt des neuen Buchs von Anne Schüller. Die Autorin, Rednerin und Coachin will Abhilfe schaffen, will unserer Zukunftsfantasie auf die Sprünge helfen. Ihr Zukunftselixier sind Geschichten, Erzählungen. Narrative in der Fachsprache. "Zukunft wird aus Geschichten gemacht. Die Geschichten, die wir uns heute erzählen, definieren die Welt, die wir morgen erleben", schreibt sie. Denn Geschichten, mitreißende Erzählungen und Narrative sind es, die Zukunft konkret und nachvollziehbar werden lassen, die Sinn und Bedeutung vermitteln und zum Handeln motivieren - nicht bloße Fakten. "Nicht Zahlen, Daten und Fakten, sondern Geschichten verändern die Welt", lautet die zentrale Botschaft des Buches, das sich als Anleitung zum Bessermachen versteht. "Menschen lassen sich lieber durch gut gemachte Geschichten zu einem gewünschten Tun inspirieren als durch sachliche Darstellungen, nüchterne Daten und trockene Fakten", schreibt die Autorin. Ihre Empfehlung: "Erläutere also nie nur eine Maßnahme als solche, erzähle immer auch davon, was diese mit den Menschen macht und welchen Nutzen sie ganz persönlich davon haben." So entstehen Zukunftsbilder, konkret, plastisch, nachvollziehbar.
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Géraldine Muhlmann:
Zur Verteidigung der Fakten.
übersetzt von Lina Theiß.
Passagen Verlag, Wien 2025, 168 Seiten, 25 Euro (D), ISBN 168 Seiten, 25 Euro
Fakten. Schon der Begriff hat etwas Hartes, Kategorisches. Strahlt ein unverrückbares "So-ist-es" aus. Wie aber verträgt sich das mit einem Verständnis, nach dem unsere Wirklichkeit nicht objektiv gegeben, sondern konstruiert ist? Die Pariser Philosophin, Politikwissenschaftlerin und Journalistin Géraldine Muhlmann durchleuchtet das Phänomen der Fakten auf höchst differenzierte Weise. Und macht deutlich, dass es die einfache Wahrheit - den Fakt - über Fakten nicht gibt. Sie schreibt: "Der Fakt ist immer konstruiert und manchmal gleich auf mehreren Ebenen", sinnlich, sprachlich, technisch. Und jeder Fakt ermögliche mehrere Erzählungen, Filme, Bilder, Texte. Gleichzeitig lautet die Schlussfolgerung des Buches, "dass es sehr wohl ‚kausale Fakten‘ gibt, die sich auf wissenschaftlich fundierte Weise feststellen lassen." Es ist nicht erst die Vielzahl an Meinungen, Einschätzungen, Kommentaren, Stellungnahmen - das Konstruierte also -, was unsere Wirklichkeit so komplex macht. Es "ist das faktische Material, das all diesen Situationen zugrunde liegt". Der Ausweg kann nur darin liegen, "reale Situationen in ihrer ganzen Komplexität darzustellen". Das Fazit dieses lesenswerten Buches: "Nur so lässt sich die ‚Konstruktion‘ der ‚Fakten‘ akzeptieren: indem man sich erlaubt, sie immer wieder im Diskurs infrage zu stellen und neu zu verhandeln."
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Wolf Lotter:
Digital Erwachsen.
Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz.
Haufe Verlag, Freiburg 2025, 228 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-689510695
Neue Technologien drängen oft mit Macht in die Wirklichkeit. Und mit Rasanz. Wie gerade eben KI. Da bleibt keine Zeit, über Grundlagen und Implikationen dieser Technologie nachzudenken. Wie sie entstanden ist, wozu sie dient, was sie bewirkt. Diese Erkenntnislücke im KI-Diskurs zu schließen, ist das Programm des - notwendigen wie verdienstvollen - Buches von Wolf Lotter. Darin dockt er die weitgehend unreflektiert eingeführte sogenannte Künstliche Intelligenz an die Entwicklung von Industrie- und Wissensgesellschaft an. Lotter folgt dabei seiner Generalthese, dass die Industriegesellschaft nicht bloß Produktionsmodell war, sondern weit darüber hinaus und tiefer gehend die Gesellschaft bis hinein in grundlegende Denkweisen geprägt hat. KI folgt diesem Muster. Sie fügt sich nahtlos ein in diesen Pfad industrieller Entwicklung - ganz so, als bildeten "Denkroutinen die einzige Ausdrucksform des menschlichen Geistes". Genau das aber sei "der Grundirrtum der Industrialisierung", so der Autor. Dagegen beharrt Wolf Lotter auf einer fundamentalen Differenz zwischen maschineller Verarbeitung und menschlichem Denken, zwischen künstlicher und natürlicher Intelligenz. "Digital erwachsen" bedeutet für ihn, diesen grundlegenden Unterschied zu erkennen. Digitales Erwachsensein ist "die Fähigkeit, Berechnung und Vernunft zu unterscheiden, zu wissen, wo das eine, die Berechnung, Grenzen hat und das andere, die Vernunft, ihr Recht fordert". Dieses Buch ist ein Ruf nach einer neuen Aufklärung und Begründung ihrer Notwendigkeit zugleich. Und ein Appell zur Besinnung auf das, was den Menschen ausmacht: seine - natürliche - Intelligenz.
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Leif Weatherby:
Language Machines.
Cultural AI and the End of Remainder Humanism.
University of Minnesota Press, Minnesota 2025, 264 Seiten, 27.95 $, ISBN 9781517919320
Es ist eine der drängendsten Fragen unserer digitalen Gegenwart: Wie gehen wir damit um, dass Maschinen nun zu sprechen lernen? Die sogenannten Large Language Models haben sich derart rasant entwickelt, dass es kaum mehr möglich ist, von Menschen produzierte Texte von den Ergebnissen künstlicher Intelligenzen zu unterscheiden. Leif Weatherby, Professor an der New York University, will nun die Debatte vom Kopf auf die Füße stellen. Er sagt: Wir starren zu sehr auf die vermeintliche Intelligenz, auf das Menschenhafte der Maschine - und übersehen dabei das Wesentliche: die Sprache selbst. Im theoretischen Schulterschluss mit Linguistik und Strukturalismus zeichnet der Autor ein völlig neues Bild. KI fängt demnach genau jenen Aspekt der Sprache ein, der strukturell ist. KI denkt nicht und versteht Sprache nicht, vielmehr simuliert sie die statistischen und strukturellen Muster unserer Sprache. Damit wendet sich die Forschungsperspektive: Wenn wir die Sprache als weitgehend autonomes System betrachten, kann die Textgenerierung durch KI helfen, die "menschliche" Sprache selbst besser zu verstehen. Rezension: Stefan Wally (gekürzte Fassung)
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Armen Avanessian:
Planetarische Ethik.
Tractatus Ethico-Planetarius.
merve Verlag, Leipzig 2025, 136 Seiten, 15 Euro (D), ISBN 978-3-96273-095-6
"Ethik ist immer dann relevant, wenn es um Übergänge und Transition geht", lautet die Eingangsthese des neuen Buches des Philosophen Armen Avanessian. Und die Transition, die ansteht, reicht tief, bis hinunter in die Grundlagen unseres Denkens und unseres Selbstbilds. Wir werden "um eine evolutionäre Neubestimmung von komplexem Leben nicht herumkommen", schreibt der Autor und spricht von einer sich abzeichnenden planetarischen Wende ("planetary turn") im philosophischen Denken. Das verlangt vor allem "ein Nachdenken über unsere Lebensgewohnheiten im Anthropozän oder über unsere Handlungsoptionen in einem planetarischen Horizont". Einem veralteten Weltbild, das auf der Illusion eines stabilen Klimas wie auf stabilen Verhältnissen und statischen disziplinären Trennungen gründet, stellt der Autor eine neue Weltsicht gegenüber, die auf der Integration und dem Zusammendenken von Unterschiedlichem aufbaut. "Unsere Intelligenz ist kein Distinktionsmerkmal mehr, und wir werden unsere Probleme nicht ohne Rücksicht auf maschinelle ebenso wie pflanzliche, animalische oder mineralische Intelligenzen lösen können." Zusammendenken von Unterschiedlichem, das gilt vor allem auch für die Problemkonstellation, mit der wir konfrontiert sind: "Künstliche Intelligenz und Klimaveränderung (KKI) sind planetarische Herausforderungen, die wir nur als zusammenhängend begreifen und meistern können." Was verlangt: "Endlich planetarisch Leben". Diese ultrakurze neunte These ist zuallererst Ausdruck der "erkenntnisethischen Freude", endlich die Grundlagen der Natur zu verstehen und zu wissen, "dass unser Leben und Denken nicht von dem des Planeten zu trennen ist". Kühn vorausgedacht.
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